Noch steht der Segen der Hohen Behörde der Montanunion zu den geplanten Verkaufskontoren der deutschen Stahlindustrie aus, aber schon laufen vor allem im Ruhrgebiet Gerüchte über weitergehende Schritte zur Konzentration um. Es ist die Inkonsequenz der Kontorlösung, die diesen Gerüchten Nahrung gibt. Denn wenn man schon in Zukunft nahezu alles gemeinsam betreiben will – warum geht man dann nicht auch den letzten Schritt, den Weg der Fusion?

Es ist nicht zuletzt die Stahlindustrie selbst, die diese Inkonsequenz erkannt hat. Dr. Herbert W. Köhler, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie, hat das in diesen Tagen klar ausgesprochen. Zu der Meinung, daß Fusionen der bessere Weg zu einer neuen Struktur der Stahlindustrie seien, äußerte er in einem Vortrag: "Ich zögere keinen Augenblick zu sagen, daß ich diese Meinung teile, übrigens mit vielen maßgebenden Männern unserer eigenen Industrie."

Aber, so schränkte Köhler gleichzeitig ein, den Fusionen stehen ungleich größere Hemmnisse entgegen als den Kontoren. Und das führe "zu dem Argument, daß die Überwindung aller dieser Gesichtspunkte zwar möglich erscheint, daß sie aber unvergleichlich viel und mehr Zeit in Anspruch nimmt, als wir angesichts der Lage auf dem Weltstahlmarkt zur Verfügung hatten".

Damit hat Köhler allerdings gleichzeitig ein entscheidendes Argument für die Fusionen geliefert. Denn die Zeit, die er als wesentlichstes Hemmnis nennt, kostet in diesem Falle nichts. Die Kontore, von Köhler ohnehin als "eine Art Fusionssurrogat" bezeichnet, sichern zunächst eine überbetriebliche Rationalisierung – langfristigen Fusionsplanungen steht nichts im Wege.

Auf der anderen Seite stellt sich aber die Frage, warum man denn überhaupt fusionieren soll, wenn durch die Kontorverträge die gleiche Wirkung erzielt werden kann. Nun, die Auffassung, daß die Kontore ein vollwertiger Ersatz für Fusionen sein können, ist wohl doch nicht unbestritten. Und die Bedenken hängen sich an der Tatsache auf, daß – wir gebrauchen die Worte Köhlers – "der mit der Fusion verbundene Beherrschungstatbestand durch die vertraglich vereinbarte Zusammenarbeit ersetzt wird. Die Kontore beinhalten also hinsichtlich der Willensbildung ein liberaleres Konzept, natürlich mit der Konsequenz, die jedes liberale Konzept von dem Beherrschungskonzept unterscheidet, daß man überzeugen muß, wo man sonst beherrschen kann".

In der Tat tragen die Kontore den Keim permanenter Auseinandersetzung in sich. Denn bei jeder Maßnahme muß das Für und Wider für jeden Beteiligten abgewogen und – was entscheidend ist – in Mark und Pfennig ausgedrückt werden. Das heißt Dauerbeschäftigung für Techniker, Betriebswirte und Juristen. Bei einer Fusion wäre dagegen nur einmal eine Bewertung der Unternehmen und eine Festlegung der Umtauschrelationen für die Aktien vorzunehmen.

Im übrigen wird der Zwang zur Fusion in der Zukunft stärker werden. Dann nämlich, wenn neue Investitionen erforderlich sind. Fachleute haben ausgerechnet, daß ein Hüttenwerk mit einer Jahreskapazität von vier Millionen Tonnen Investitionen von 520 bis 530 Mark je Tonne erfordert, ein Werk mit nur zwei Millionen Jahrestonnen hingegen rund 800 Mark. Neue Werke wird man also gemeinsam bauen müssen. Zwar taucht hier der Gedanke an eine besondere Gesellschaft auf, an der sich die jeweiligen Kontormitglieder beteiligen und die dann ein gemeinsames Werk baut und betreibt. Führt man diese Politik jedoch konsequent durch, dann könnte eines Tages die Stahlindustrie nur noch aus solchen Gemeinschaftsunternehmen bestehen – die bisherigen Unternehmen würden zu Holdinggesellschaften denaturiert.