Zwanzig Jahre nach der Liquidierung

Von Marion Gräfin Dönhoff

"Zieht Preußen von Deutschland ab. Was bleibt? Der Rheinbund – eine klerikale Republik." Walter Rathenau

Vor zwanzig Jahren – im Februar 1947 – erließ der alliierte Kontrollrat, der das zertrümmerte Deutschland regierte, ein Gesetz zur Liquidierung des preußischen Staates. Das Gesetz Nr. 46 erklärte, "daß Preußen, das seit langen Zeiten Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland ist, faktisch aufgehört hat zu existieren".

Dieses Gesetz beruhte auf zwei Irrtümern. Erstens ging es von der irrigen Vorstellung aus, der in Braunau in Österreich geborene Adolf Hitler sei ein typischer Preuße gewesen und sein Terrorsystem das letzte Glied einer Kette spezifisch preußischer Tradition. Zweitens glaubten die Sieger aus Amerika, sie könnten in dieser alten Welt, der ihre Vorväter den Rücken gekehrt hatten, das, was sie störte, einfach mit einem Federstrich liquidieren. "Preußen? Das ist Reaktion, das braucht man nicht mehr, das schaffen wir ab."

Damals brauchte man es vielleicht nicht, aber heute? Heute könnten wir ein bißchen mehr preußisches Maß und preußische Strenge und preußische Bescheidenheit ganz gut gebrauchen. Jene Amerikaner, die Preußen abschafften, weil es immer schon "reaktionär" gewesen sei, wußten offenbar nicht, daß zu der Zeit, da ihre Verfassung von George Washington verkündet wurde, die am meisten fortschrittliche und liberale Gesetzgebung des damaligen Europas gerade kodifiziert wurde: das Allgemeine Preußische Landrecht.

Hitler war kein Preuße