Von Hans Kluth

Morton H. Halperin: China und die Bombe. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln. Ins Deutsche übertragen von Wilhelm Duden; 127 Seiten, Broschur 12.50 DM

Das kommunistische China ist auf dem Wege, Atommacht zu werden. Zwar wird der Weg noch lang und dornig sein, ehe China über eine größere Zahl atomarer Sprengsätze und ein wirksames Trägersystem verfügen wird. Jedoch stellt sich heute schon die Frage, wie die Führer in Peking in einigen Jahren oder Jahrzehnten ihre Nuklearwaffen handhaben werden. Und auch die Entscheidung, wie die westlichen Mächte, insbesondere die Vereinigten Staaten, auf diese Entwicklung reagieren sollen, ist schon heute – zumindest in ihren Grundlinien – zu treffen. Morton H. Halperin, einer der führenden amerikanischen Strategie-Theoretiker der Vereinigten Staaten, befaßt sich in einer knappen Studie mit diesen Fragen. Die chinesischen Atomexplosionen, so erläutert er, haben das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und dem kommunistischen China noch erheblich verschlechtert. Amerika hat klar zu erkennen gegeben, daß es jede neue nationale Atomstreitmacht als Belastung der internationalen Beziehungen ansieht. Um wieviel stärker wird die ablehnende Haltung sein, wenn es sich bei der jüngsten Atommacht gerade um den Staat handelt, der die Vereinigten Staaten als seinen erbittertsten Feind betrachtet?

Die Aussichten, daß in absehbarer Zeit eine Verständigung, etwa Rüstungskontrollmaßnahmen, im Bereich der Nuklearwaffen möglich sein werden, sind gering. Jedoch rechnet Halperin auch nicht damit, daß es unausweichlich zu einem nuklearen Zusammenstoß zwischen Amerika und China kommen müsse. Zunächst wird das durch die Tatsache verhindert, daß China wahrscheinlich bis in die achtziger Jahre hinein über kein Trägersystem verfügen wird, mit dem es einen Schlag gegen Amerika führen könnte.

Fraglich ist auch, ob die Chinesen zu einem solchen Schlag ausholen würden, wenn sie technisch dazu in der Lage sind. Sicherlich sind die Reden chinesischer Politiker mit daran schuld, wenn ihr Staat heute weitgehend als kriegerisch und verantwortungslos beurteilt wird. Aber für einen Nuklearkrieg haben sie sich bis heute nicht ausgesprochen (auch wenn ihre sowjetischen "Freunde" das verschiedentlich behauptet haben). Allerdings schätzen die Chinesen die Wahrscheinlichkeit eines atomaren Krieges und die Gefahr einer Eskalation geringer ein als die Sowjetunion.

Wenn also voraussichtlich nicht für einen "großen" Krieg, zu welchen Zwecken wird China dann seine Atomwaffen einsetzen? Halperin legt dar, daß diese Waffen in der Kalkulation der Chinesen einerseits defensiven Zwecken dienen. Sie sollen einen amerikanischen Angriff auf das chinesische Festland abschrecken. Offensichtlich ist das aber nicht ihre einzige Aufgabe. Auch die Chinesen wissen, daß einer Atommacht ein besonderer Status zukommt. China ist das einzige asiatische Land, das einzige "Entwicklungsland", der einzige kommunistische Staat außer der Sowjetunion, der im Begriff ist, Atommacht zu werden. Zwangsläufig wird diese Entwicklung dazu führen – teilweise hat sie schon dazu geführt –, daß China im kommunistischen "Lager", aber auch in der internationalen Politik überhaupt gestärkt wird.

Schließlich wird auch sein Verhältnis zu den Nachbarstaaten einen anderen Charakter annehmen, wenn diese sich einer Atommacht gegenübersehen. So sieht Halperin die wesentlichen Ziele der chinesischen Atomrüstung darin, seine internationale Position – auch die innerhalb des Sowjetblocks – zu heben und Nachbarstaaten durch offene oder versteckte Drohungen einer chinesischen Hegemonie zu unterwerfen.