Daß der Achtzehnjährige, der gerade seine Schulausbildung hinter sich gebracht hatte und nun in seiner ersten, übrigens gut bezahlten Stellung war, einen Degen trug, war nicht Eitelkeit. Es geschah einfach aus jenem sicheren Selbstbewußtsein heraus, das sich schon bei dem Knaben, der früh die Eltern verlor, gezeigt hatte, als er es durchsetzte, daß man ihm seine Teilnahme am Chorsingen bezahlte.

Angemessene Bezahlung seiner Leistung ist ihm auch später immer wichtig gewesen (allerdings war sie auch notwendig, weil er eine große Familie ernähren mußte); und bei seinen nicht gerade seltenen Stellungswechseln hat die Gehaltsfrage eine wichtige Rolle gespielt. Dennoch ist er nicht etwa reich geworden, obgleich er mit seiner ans Wunderbare grenzenden Arbeitskraft ein überaus umfangreiches Werk schuf und schon bald berühmt war.

Der Achtzehnjährige allerdings war noch nicht berühmt, und nicht alle seine Schüler wollten ihn als Autorität anerkennen. Mit einem, der drei Jahre älter war als er, geriet er einmal in einen heftigen Streit. Es begann damit, daß der Schüler mit seinem Instrument Albernheiten trieb. Ihn ärgerte das; und er fuhr den Schüler deswegen ziemlich hart an. Aber damit war die Sache nicht erledigt. Als er ein paar Tage später zusammen mit einem jungen Mädchen, einer Verwandten von ihm, über den Markt nach Hause ging, versuchte jener Schüler ihn zu stellen. Nicht allein; in seiner Begleitung waren fünf andere Schüler, als er – bewaffnet mit einem Holzprügel – auf den jungen Lehrer zuging, ihn einen Hundsfott nannte und auf ihn einschlagen wollte. Der zog seinen Degen, kam jedoch nicht zum Schlagen, weil der Schüler ihm in den Arm fiel und ihn zerrte, bis die anderen dazwischen kamen und die beiden trennten.

So jedenfalls ist die Szene in einem Aktenstück festgehalten, das angelegt wurde, als er sich über jenen Schüler beschwerte. Später wurde sie ausgemalt. In einer neuen Biographie über ihn ist von "dunkler Nacht" die Rede, in der er überfallen worden sei; und es heißt, er habe mit seinem Degen das Hemd des Angreifers kreuz und quer zerfetzt: "Schlag fiel auf Schlag, und es hätte weiß Gott einen Mord geben können, ohne das Eingreifen der Nachbarn, die durch den Lärm aufgeschreckt worden waren."

Daß man diese Szene übertrieben hat, ist kein Zufall: Sein Leben bietet den Biographen zu wenige dramatische Höhepunkte. Gleichmäßig, wenngleich keineswegs ohne schwere Schicksalsschläge, rollte es ab. Gemessen an der Einmaligkeit seines Werkes, wirkt sein Leben eintönig, überraschend alltäglich.

Da es während der Zeit seiner ersten Anstellung häufiger zu kleinen Reibereien mit den Schülern und dadurch auch (wie übrigens während seines ganzen Lebens) zu Zusammenstößen mit seinen Vorgesetzten kam, nahm er bald eine andere Stellung an, wo er besser bezahlt wurde, so daß er nun heiraten konnte. Es wurde eine glückliche Ehe, mit sieben Kindern, von denen jedoch zwei gleich nach der Geburt starben. Diese glücklichen dreizehn Jahre, in denen er noch zweimal Stellung und Wohnort wechselte und seine Einkünfte wesentlich verbesserte, diese kraftvollen Jahre, in denen er viel und erfolgreich arbeitete und sich dennoch die Zeit nahm, mit seinen Kindern zu spielen und sie Zu erziehen, endeten mit dem überraschenden Tod seiner Frau. Als sie starb, war er auf Reisen; er kehrte erst einige Zeit nach ihrem Begräbnis zurück.

Was ihn über den Schmerz hinwegbrachte, war die Arbeit. Sie vor allem gab ihm Halt. Doch war es damit allein nicht getan; den Kindern fehlte die Mutter, ihm selber die Frau. Anderthalb Jahre nach ihrem Tod heiratete der 35jährige zum zweitenmal, und zwar eine erst Zwanzigjährige. Auch diese Ehe – diesmal mit dreizehn Kindern – wurde glücklich.