Von Rolf Zundel

Bonn im Februar

Wer in den letzten Wochen die deutschen Zeitungen las, mußte fast den Eindruck bekommen, als hätten Russen und Amerikaner gemeinsam einen neuen Morgenthauplan ausgeheckt, mit dessen Hilfe die Bundesrepublik in ein rückständiges Land verwandelt werden soll. Gegenstand der allgemeinen Sorge, ja der nationalen Entrüstung ist der Atomsperrvertrag. Und die Front der eifrigen Warner reicht von Bild bis Berg. Die Bild-Zeitung verkündete: "Wir wollen kein Volk von Bettlern werden." Der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie prophezeite: "Uns Deutschen droht der Ausschluß aus der für die gesamte Zukunft wichtigen Forschung." Die Bundesrepublik sei in Gefahr, auf den Status eines Agrarlandes zurückzusinken.

Der Vertrag über die Nichtweitergabe von Atomwaffen (Nonproliferation), der von den Amerikanern und Russen in geheimen Gesprächen vorbereitet wurde und der vom 21. Februar an in Genf zur Verhandlung steht, ist in der Tat ein heikles Problem für die Bundesrepublik.

Die deutsche Kernforschung hat genauso wie die anderen nichtnuklearen Länder das Recht und die Pflicht, ihre Interessen zu wahren. Auf diese Interessen hat Brandt in Washington nachdrücklich hingewiesen.

Am wenigsten bedenklich scheint noch das Verbot von friedlichen Kernexplosionen, die laut Vertrag nur den atomaren Großmächten vorbehalten sein sollen. Mit Hilfe solcher Explosionen können zum Beispiel künstliche Wasserstraßen oder Hafenbecken freigesprengt oder Erdöl und Erdgas freigesetzt werden. Bei diesen Explosionen scheint der wissenschaftliche und technische Abfall relativ gering zu sein. Außerdem gibt es in absehbarer Zeit keine solchen Projekte in Deutschland.

Die größten Sorgen gelten dem Reaktorbau. In einer ganzen Reihe von Ländern, auch in der Bundesrepublik, werden die sogenannten "schnellen Brüter" entwickelt, mit deren Hilfe relativ billig Energie erzeugt werden soll – weit billiger als mit den herkömmlichen Energiequellen wie Kohle oder Wasser. Diese Reaktoren werden mit Plutonium "gefahren" – das heißt, es wird spaltbares Material verwendet, das bei entsprechender Weiterverarbeitung für militärische Zwecke genutzt werden kann.