Das "Pluto-Terzett" weiß, was verlangt wird. "Du bist nicht allein, wenn du träumst heute abend", haucht Wolfgang über die Tanzfläche. Unter alten Straßenlaternen, in lauschigen Nischen rücken die Pärchen enger zusammen. Die Après-Ski-Schau in der "Tenne" in Winterberg hat begonnen. Hier ist Jugend Trumpf. Älter als fünfundzwanzig ist kaum jemand. "Was gibt’s denn für Autofahrer?" erkundigt sich eine Blonde bei der Bedienung. Ihr Minirock besitzt in dieser Umgebung Seltenheitswert. Die meisten kommen im Skidreß. Kumpel Anton aus Gelsenkirchen tanzt einen lässigen Slop. "Borussia Dortmund 5:0 gewonnen", ruft einer über die Tanzfläche. Beifälliges Gemurmel. Offenbar sind die anderen Dortmunder. Jedenfalls bis auf die beiden Handelsschüler aus Münster, die kein Quartier mehr fanden und in ihrem Volkswagen übernachteten. Bei zehn Grad Minus. Sie finden die Musik in der "Tenne" nicht aufregend: "Ach, die alten Heimatlieder; das einzige, was die hier bringen, ist ‚La bostella‘".

Ein paar Häuser weiter, im "Café Mörchen", sind die Freunde froher Lieder auch in der Überzahl: "Oh, du schöner Westerwald", "Schwarzbraun ist die Haselnuß" und "Horch, was kommt von draußen rein". Ab neun Uhr ist die Tür verschlossen. Draußen harren einlaßbegierige Nachtbummler. Drinnen steigen Stimmung und Alkoholgrade. Prickelnde Atmosphäre und attraktive Skihasen sucht man vergebens. Die ganze Gesellschaft – gut und gern zehn bis fünfzehn Jahre älter als in der "Tenne" – macht eher den Eindruck einer wohlsituierten Familie von Rhein und Ruhr. Man kennt einander.

"Die Wintersaison ist im Sauerland und dort vornehmlich in Winterberg zu einem wesentlichen Wirtschaftsfaktor geworden stellte der Landesverkehrsverband Westfalen dieser Tage voller Stolz fest. Die Besucherzahlen – an Wochenenden tummeln sich allein am Kahlen Asten mehr als 30 000 Skibegeisterte – erwecken allerdings nicht überall Begeisterung. In langen Schlangen rollen am Samstag und Sonntag von Köln, Düsseldorf und aus dem Ruhrgebiet die Autofahrer auf völlig unzureichenden Straßen heran. Vier Stunden Fahrzeit für die 200 Kilometer lange Strecke von Düsseldorf bis Winterberg sind keine Seltenheit. Besser dran sind die Benutzer der Bundesbahn: Mit dem Wintersportzug dreieinhalb, für die Rückfahrt gar nur drei Stunden.

Verkehrsamtsleiter Hans Eckert rühmt jedoch die Vorzüge von Winterberg: "Da unten in Garmisch standen sie dieses Jahr beim Skispringen unterm Regenschirm, und hier war alles weiß." In der Tat hatten die Winterberger in dieser Saison Glück. Anfang November fiel der erste Schnee, am Dreikönigstag war die Schneedecke einen Meter hoch, und Mitte Februar gab es Sonnenschein und 40 Zentimeter Pulverschnee. Letztes Jahr hatten wir im März noch brauchbaren Schnee", erinnert sich Eckert. Die Skilaufbedingungen auf den Hügeln um die Stadt und am Kahlen Asten (841 Meter) sind nicht alpin. Dennoch. Es gibt sechzehn Skilifts in Preislagen zwischen 20 und 80 Pfennig, einen Slalomhang, einen Flutlichthang für Skirennen bei Nacht, eine moderne Sprungschanze und zwei Skischulen. Auf der 1400 Meter langen Bobbahn wurden schon zweimal deutsche Meisterschaften ausgetragen. In Kürze soll auf dem Kahlen Asten sogar eine Gondelbahn gebaut werden.

Der Herdentrieb der Sonntagsskifahrer eröffnet Chancen für die Findigen. Während sich an den Winterberger Hängen an den Wochenenden fünfundzwanzigmal so viele Menschen tummeln wie in florierenden Alpengebieten, sind die Skiwanderwege verwaist. Achthundert bis tausend Skifahrer drängeln sich jeden Sonntag aus einem Sonderzug zu den Pisten, aber nur drei Minuten vom Bahnhof entfernt beginnt eine der schönsten Skiwandertouren zur Ruhrquelle und nach Elkeringhausen. Dreimal in der Woche finden solche Skiwanderungen auch unter Führung statt. Bei der Kurverwaltung gibt’s Wanderkarten. Der Andrang war in Winterberg noch nie so groß wie in diesem Jahr. "Vielleicht ist das doch ein Zeichen der Krise."

Wer in Winterberg übernachten will, muß sich rechtzeitig danach umtun. Die 2500 Fremdenbetten in 35 Hotels sowie in 35 Pensionen und in Privathäusern sind fast ständig ausverkauft. Schon für vier Mark kann man in einer Privatunterkunft übernachten. Das teuerste Hotelbett kostet 20 Mark. Bis auf vier Ausnahmen haben alle Privatzimmer sogar Ölheizung und fließendes warmes Wasser.

Am billigsten können junge Leute übernachten. Vor den Toren von Winterberg, in der Jugendherberge Neuastenberg, findet man schon für 1,20 Mark ein Nachtlager. Wem der Betrieb in Winterberg zu turbulent ist, findet in der Umgebung Unterschlupf. Der Varta-Führer verzeichnet sogar einige Hotels "mit großem Komfort". Im Berghotel "Hoher Knochen", zehn Kilometer von Winterberg entfernt, können die Gäste von der Piste sogleich ins Schwimmbad steigen. Selbst Berleburg (20 Kilometer) eignet sich noch als Ausweichquartier.