Donnerstag, 16. Februar, 20.15 Uhr, 1. Programm: "Frank V.", Komödie von Friedrich Dürrenmatt

Weder als Oper noch in der Form einer Komödie, als Drama nicht und nicht als Fernsehspiel, ist Frank V. ein Kunstwerk von Rang. Es fehlt an der Fabel, das Problem wird nicht sichtbar, der Betrachter vermißt den Bezugspunkt, das dramatische Kalkül, das die Szenenfolge zu ordnen versteht.

Wie im Meteor – und anders als in der Alten Dame – umschreibt Dürrenmatt eine theatralische Situation (die Gangster-Gang führt ihre Machenschaften vor) mit nimmermüdem Elan, schafft Parallel-Episödchen, erfindet immer neue Variationen seines Modells und begnügt sich damit,ein ganzes Stück lang zwei simple Umkehrungs-Volten zu demonstrieren: Bankiers sind Mörder, Räuber und Betrüger (Volte 1), die Mörder, Räuber und Betrüger bestehen (Volte 2) aus schönen Seelen, die sich nach dem Abendfrieden einer Zelle sehnen, in der Kirche Choräle anstimmen, ihren Opfern gegenüber Mitleid empfinden, Mörike lesen und Gott um Erbarmen anflehen.

Verbrechen-Demonstration heißt das eine Motiv, Liquidation der Bank das andere. Hier die Tricks von Leuten, die durch eine Reihe von Zufällen um den Lohn ihrer Bemühungen betrogen werden, dort das Scheitern der Kumpane, der Schwanengesang von Betrügern, die zum Untergang verurteilt sind, weil sie zu schöngeistig denken, weil ihre Ideologie sich als nicht haltbar erweist, weil die Zeit gegen sie ist: Den Tagen blutiger Morde folgt die schlimmere Epoche skrupelloser Ehrlichkeit.

Das alles geht wirr durcheinander, Motive widersprechen sich, viele Begründungen zeigen die Schwäche der Grundkonzeption. Das Stück ist nicht durchdacht, viel wird angedeutet, wenig durchgeführt, es mangelt am Plan... und das bewies, nach der Zürcher Oper und der Bochumer Komödienfassung, auch die Fernsehspiel-Version unter des Autors Regie.

Dürrenmatt hatte zu diesem Behuf die Szenen ein wenig durcheinandergewirbelt (man kann das mühelos tun, auch das spricht nicht gerade für die Güte der Struktur), die Machenschaften noch mehr betont und einige Gags angefügt: Bei concerto grosso-Musik werden in einer Art von Pause redliche Bankinstitute gezeigt, das Café der Theater-Fassung sieht sich in einen Raubtierkäfig verwandelt, Löwe und Tiger symbolisieren das Schlechte im Menschen. Vor allem aber mußte die achte, Brüderlein und Schwesterlein überschriebene Szene dran glauben, und das hat mir gar nicht gefallen, weil auf diese Weise die munteren Erben des Bankunternehmens, der Sohn-Erpresser und das Dirnen-Töchterlein, als Maschinengötter erst ganz am Ende auftraten und damit die Handlung des Kontrapunktes beraubten: Was nützt es dem Betrachter, wenn er erst am Schluß über das Gegenprinzip, die kaltblütige Ehrlichkeit der jungen Super-Gauner, aufgeklärt wird? Erst vor der Folie des sechsten Frank, der um die efficiency der Redlichkeit weiß, gewinnt der alte Mörike-Mörder mitsamt seiner Frau an Profil, das hätte Dürrenmatt bedenken müssen.

Ein gedanklich schwaches, aber ein situationsreiches, ein theatralisches Stück, das ein glänzender Regisseur mit Hilfe einer grandiosen Schauspieler-Schar, Meyerinck und Korte, Trenk-Trebitsch und Maertens, Frau Schwiers und Frau Giehse, amüsant inszenierte. Ein Stück mit einer wirklich großen, hochpathetischen Szene (der Keimzelle einer späteren Fassung?) – der Episode am Bett des sterbenden Prokuristen: Da hört man das Stöhnen des Sünders, den Greisengesang des Bankiers, der im Operetten-Stil sein ave pia anima artikuliert, da huscht im Hintergrund – unscharf in der Kontur – ein Schatten umher, da stößt der Teufel dem Büßer die Nadel ins Herz, da zeigt der Autor, was er kann, wenn er Ernst zu machen beginnt. Momos