Von Marianne Kesting

Kontrovers sind die Reaktionen auf das amerikanische Living Theatre. Die Brecht-Kennerin Marianne Kesting steht in mancher Hinsicht im Gegensatz zu Hellmuth Karasek, der auf Seite 17 eine Erklärung seiner Spielweise sucht.

Sie sind gegen den Krieg in Vietnam und überhaupt gegen das Militär. Sie möchten alle Gefangenen befreien und die Polizei abschaffen. Sie tragen die Uniform moderner jugendlicher Protestler, lassen die Haare über die Ohren und bis auf die Schulter wachsen. Sie sind nicht nur eine Theatertruppe, sondern eine verschworene Gemeinschaft. Sie essen spärlich, leben asketisch, aber auf der Bühne toben sie sich exzessiv aus. Das Living Theatre, aus New York freiwillig emigriert, am Samstag gastierte es in der Seidenstadt Krefeld mit Sophokles’ "Antigone", orientiert an Brechts Version.

Das Stück kam bis zur Unkenntlichkeit verändert auf die kulissenleere Bühne. Hatte Hölderlin es in edle, aber unspielbare Verse verwandelt und Brecht die Hölderlin-Version in ein Widerstandsstück "umfunktioniert", so bot Judith Malina, die Leiterin des Living Theatre, Sophokles-Hölderlin-Brecht in englischer Prosa. Nur Brechts "epische" Zwischentexte wurden dem Publikum in deutscher Sprache dargereicht, damit es so ungefähr wußte, worum es sich handelte.

Man hörte und sah: etwa eine Viertelstunde an- und abschwellendes Sirenengeheul, Schreie, unartikulierte Laute, ausgestoßen von der Truppe, die zunächst leger auf der Bühne herumging, dann aber mit Gebrüll und Gekreisch in den Bühnenraum vordrang und dort Schlachtengetümmel mimte. Ständig wiederkehrender Regieeinfall: gegenseitige Verstümmelung und Ausrupfen der Geschlechtsteile. Polyneikes, ein schmächtiger Jüngling in knallroter Beatle-Uniform und blondem Langhaar, wurde entsprechend zugerichtet, als Leiche auf die Bühne gelegt und dann den Geiern und Hyänen überantwortet.

Neuer Anlaß zu exzessivem Gekreisch und Gefauche, während Julian Beck im Zuschauerraum magische Beschwörungsgesten zelebrierte.

Endlich betrat er als Kreon die Bühne, ein magerer, indischer Yogi mit glühenden Augen. Zehn Minuten lang schüttelte er drohend die Fäuste über der Leiche des Polyneikes, akklamiert vom "Chor", den bereits Brecht in eine Versammlung schütterer Greise umgestaltet hatte. Der "Chor" des Living Theatre zeigte Anzeichen von delirium tremens.