Von Theo Sommer

Zum erstenmal seit 1949 spielen wir Deutschen beim Atomsperrvertrag eine große internationale Partie ganz auf eigene Rechnung und Gefahr – und spielen sie sehr unglücklich. Das Übel der letzten Jahre macht uns abermals zu schaffen: Die flexible Politik des Auswärtigen Amtes droht sich an der Phalanx der Orthodoxen festzulaufen. Wieder einmal sind es Adenauer, Strauß und die Springer-Presse, die Zeter und Mordio schreien.

Kanzler und Vizekanzler haben es bei aller Bestimmtheit des Wollens an einsichtsvoller Mäßigung nicht fehlen lassen. Auf der freien Wildbahn jedoch tummeln sich immer hemmungsloser die Gefühls-Jongleure und die Schlagwort-Apostel, die eine fette Überschriftszeile in der Bild-Zeitung schon für das abgewogene Urteil der Geschichte halten. Sie setzen die Mär vom "nuklearen Versailles" und vom "zweiten Jalta" in die Welt, jammern über einen "Morgenthau-Plan im Quadrat" und die "zeitgemäße Neufassung einer Siegerkontrolle über Deutschland". Profitieren kann davon allenfalls die NPD, der solch Gefühlswellenschlag Wasser auf ihre Mühlen führt. Der Regierung aber wird die Vertretung sachlicher Interessen leichtfertig erschwert – ganz abgesehen davon, daß ihre neue Entspannungspolitik gegenüber dem Osten in ein schiefes Licht gerückt wird und sie, kaum der Isolierung des Jahres 1966 entronnen, aufs neue in die Vereinzelung zu geraten droht.

Niemand kann der Bundesrepublik verargen oder gar verwehren, daß sie ihre Interessen mit Entschiedenheit wahrnimmt. In einer Zeit, in der die Allianzbindungen sich zusehends lockern, muß auch Bonn wieder für sich selber fechten lernen. Alle anderen scheuen sich ja auch nicht, ihre Interessen voranzustellen. Frankreich ist aus der NATO-Integration ausgebrochen, um seine Entscheidungsfreiheit zurückzuerlangen; Amerika hat seine Autonomie vor allem im Bereich der nuklearen Strategie nie aus der Hand gegeben; die Briten machen jetzt – siehe das Verteidigungs-Weißbuch der vergangenen Woche – in einer Weise von ihr Gebrauch, die auf eine einseitige Kündigung sowohl der bisherigen NATO-Strategie als auch der alten Truppenstärkenplanung hinausläuft; und alle unsere Hauptverbündeten haben immer ungenierter selbständige außenpolitische Initiativen ergriffen, so oft ihr Nationalinteresse es zu gebieten schien.

Wo solcherlei Realpolitik wieder in Schwung kommt, müssen auch die Deutschen sehen, wo sie bleiben. Bloß müssen wir darauf achten, daß die Realpolitik auch wirklich real ist. Die entschiedene Vertretung der nationalen Interessen muß ein pragmatisch-nüchternes Geschäft bleiben. Nichts wäre schädlicher als eine ideologische Untermalung dieses Geschäftes mit neo-nationalistischen Parolen.

In den Tagen vor dem Wiederzusammentritt der Genfer Abrüstungskonferenz hat die deutsche Nonproliferations-Debatte gelegentlich hysterische Züge gewonnen. Die CSU hat sich dabei besonders hervorgetan – ihr Vorsitzender Strauß gleich mit einem Protestbrief an den Kanzler. Springers Zeitungen wettern, was die Druckerschwärze hergibt. Und Leute nehmen den Mund voll, die U-235 kaum von U-2 zu unterscheiden vermögen. Die alte, unheilige Allianz der Entspannungsgegner findet sich auf neuer Basis zusammen.

Das wohlüberlegte "Ja-aber" der Bundesregierung zum Atomsperrvertrag gerät auf diese Weise in die Gefahr, zu einem kategorischen Nein umgefälscht zu werden. Im Ausland sieht man es jedenfalls so. Wen kann es wundernehmen, daß sogleich das eben erst verscheuchte Bild vom deutschen Störenfried wieder Leben gewinnt? Und daß, beiläufig bemerkt, zum erstenmal auch die Frage nach dem Durchsetzungsvermögen des Bundeskanzlers laut wird?