Von Hansjakob stehle

Nach über 27 Jahren hat zum erstenmal wieder ein Diplomat des Vatikans – wenn auch nur vorübergehend – das Gebäude der päpstlichen Nuntiatur bezogen, das in der Warschauer "Allee der I. Armee", gegenüber dem polnischen Außenministerium, alle Zeitläufe überstand.

Hier empfing Monsignore Caseroli, der Unterhändler des Papstes, dessen Reisen bisher stets von strengster Vertraulichkeit umhüllt waren, am letzten Wochenende die internationale Presse und zeigte sich überraschend gesprächig: Er wolle sich einige Wochen in Polen umsehen, auch in den Oder-Neiße-Gebieten, mit den Bischöfen sprechen und inzwischen auch einmal nach seinen Geschäften in Rom sehen.

Nein, Kontakte mit der Regierung seien nicht vorgesehen, höchstens "aus Höflichkeit oder bürokratischer Formalitäten wegen", Auch der Sekretär der polnischen Bischofskonferenz warnte vor Gerüchten und voreiligen Erwartungen. Alles sei "langwierig und kompliziert". Was aber ist wirklich im Gange?

Monsignore Caseroli hat offenbar die Flucht in die Öffentlichkeit angetreten, um die Spuren jenes Weges zu verwischen, der die vatikanische Ostpolitik gegenwärtig zielstrebig auf einen Modus vivendi mit Polen hinführt. Nach den Streitigkeiten im Jahr des polnischen Milleniums hat sich bei Staat und Kirche die Erkenntnis eingestellt, daß eine "große Lösung" anzustreben sei. Sie ist ohne den Vatikan nicht mehr denkbar, aber auch nicht ohne Mitwirkung des polnischen Episkopats und seines Primas, Kardinal Wyszynski. Da die Regierung den streitbaren Kardinal jedoch als Partner ablehnt und dieser wiederum die polnischen Kirchenfragen besser zu verstehen meint als der Vatikan, steht die vatikanische Diplomatie Vor einer schweren Aufgabe.

Sie muß dem Kardinal das Gefühl vermitteln, nicht übergangen zu werden, und zugleich der Warschauer Regierung deutlich machen, daß sie es schließlich mit Rom zu tun hat, wenn sie mit dem Episkopat verhandelt – mit einer Bischofskonferenz, die nach dem Konzilsdekret vom 25. Oktober 1965 Beschlüsse mit Zweidrittelmehrheit fassen kann, die dann dem Heiligen Stuhl zur Prüfung und Billigung vorzulegen sind. Kardinal Wyszynski ist nur Vorsitzender dieser Konferenz, aber, wie Monsignore Caseroli jetzt in Warschau delikat betonte, einen Primas von Polen gibt es "nach dem kanonischen Recht weder als Titel noch als Funktion".

Caseroli selbst hat vor der Warschauer Bischofskonferenz die päpstliche Ostpolitik dargelegt, und er wird in den nächsten Wochen bei den Bischöfen in ganz Polen nicht nur die Lage sondieren, sondern für diese Ostpolitik werben, während gleichzeitig in der gemischten Kommission von Regierung und Episkopat die Verhandlungen weitergehen. Zu den Kabinettstücken der päpstlichen Diplomatie gehört, daß es ihr gelang, für diese schwierige Phase einen doppelten Draht zwischen Rom und Warschau zu spannen Während der päpstliche Vertrauensmann – in Polen weilt, sitzt der Vertrauensmann des polnischen Episkopats, der Breslauer Erzbischof Kominek, in Rom, um – gleichsam als ausgleichende Kraft zwischen Wyszynski und Gomulka – polnische Interpretationen zu geben.