Ja, es ist falsch, diesen Brief zu schreiben. Er wird mir nur schaden. Es ist unklug, sich dauernd mit den Mächtigen anzulegen. Das zahlt sich nicht aus. Man macht sich nur unbeliebt und wird zum Schluß nicht mehr eingeladen — wie bei der Gruppe 47. Das hast du davon. Bei Franco habe ich einmal einen Film über die Lage der Arbeiterklasse in Kastilien versucht — seitdem muß ich die Sonne Spaniens meiden. In Moskau habe ich einmal die Lenin Gipsbüsten gezählt und mit der Anzahl der Kruzifixe in Passau verglichen — seitdem lädt mich kein sowjetischer Friedensverband mehr ein. Auch in Brenners Parkhotel zu Baden Baden besteht eine Art Hausverbot für mich, weil ich für eine Provinz Anthologie einmal etwas über Verfallsformen des Kapitalismus in Baden Baden zu Papier brachte. Die Leute sind immer entzückt, wenn sie das lesen, aber wenn sie dann merken, daß sie es selber sind, werden sie ausgesprochen eklig. Ich habe also so meine Erfahrungen.

Und jetzt noch gegen eine richtige Akademie? Immer einer gegen alle? Kann man das nicht verschweigen? Es ist doch wirklich nicht wichtig. Ach, ich teile nur den Traum aller Intellektuellen, die Welt verändern zu wollen. Endlich hab ich mal einen Fall, wo sich die Wirklichkeit wirklich verändern ließe. Es geht um ganz handfeste und machbare Dinge. Darf ich es also sagen? Hochwerter und lieber Ernst Schnabel! Ich richte diesen Offenen Brief vorzüglich an Sie, obwohl Sie als Direktor der Abteilung Dichtung in der Berliner Akademie mit Sicherheit unzuständig sind. Wer ist denn schon zuständig in unserem Land? Sie haben nur ein so junges Herz, ein offenes Ohr und einen so wachen Sinn für alles und sind nicht ganz einflußlos bei den Mächtigen des Berliner Senats. Ich meine, Sie könntens also bewirken, nicht wahr? Unser Leben setzt sich ja nun einmal nur aus dieser bösartigen Verkettung von Banalitäten zusammen. Wer morgens beim Frühstück aus Versehen statt Tee Lysol trinkt, kann sich tagsüber nicht wohlfühlen, obwohl zugegebenermaßen die Frage der Großen Koalition oder der Zukunft der FDP wichtiger ist. Nicht mit Lysol im Magen, meine ich. Darf ich Sie also in die Niederungen meiner Berliner Ausgangslage für einen Augenblick herunterbitten? Ich wohnte jetzt einunddreißig Tage in jenem Trakt der Berliner Akademie der Künste, der sich als "Gästehaus" oder auch "Künstler Appartement" einer geradezu mythologischen Wertschätzung in unserer Öffentlichkeit erfreut "Was, Sie wohnen in der Akademie?" Ein Nimbus von ungeahnter Bedeutung umgibt einen sofort. Ein Künstler, es muß wohl ein wichtiger Künstler sein, nicht? Ich wohnte im dritten Stock, Appartement l, und kann Verbindliches natürlich nur über diese Wohnung sagen, aber ich habe Grund zu der Annahme, daß ich hier nicht von, einem Einzelfall spreche. Mit einem Wort: Ich muß diesen Mythos entblättern.

Ich war nach Berlin gekommen, um, wie es sich an diesem Orte gehört, alles zu sehen und etwas zu schreiben, aber ich habe keine Zeile geschrieben, weil mir die Beschaffenheit dieses Mythos konkret auf die Nerven ging. Die Wöhnmöglichkeit, die ich antraf, erzeugt so nach zwanzig Tagen einen Zustand schwermütiger Weltverlorenheit, der bei komplexeren Naturen, als ich sie habe, blitzartig in Suizid umschlagen kann. Ist Ihnen in all den Jahren kein Todesfall in der Akademie aufgefallen? Oder zogen die bedrohteren Fälle rechtzeitig aus? Ich gehe nicht so weit wie ein DDR freundlicher Berliner Intellektueller, der beim Eintreten in mein Akademie Zimmerchen freudig erregt ausrief: "VEB Cottbus, Klub der Kulturschaffenden!" Aber ich räume doch ein, daß auch ich mich beim Anblick des Schmutzes an den Wänden, des bröckelnden Putzes an den Fenstern und dieses vergammelten Graus des Betons sofort an ein HO Hotel gemahnt fühlte. Natürlich sind die viel gepflegter. Wir glauben nur immer, so sei HO. Der Grund meines Briefes ist der unbekannte und bis heute von niemandem ausgesprochene groteske Gegensatz zwischen Innen und Außen. Ein paradoxes Phänomen, die Akademie. Sie trägt zwei Gesichter: ob man sie besucht, oder ob man da lebt. Wer weiß das schon? Wer schreibt darüber? Die Akademie ist wirklich gelungen. Sie liegt so modern und großzügig im Hansaviertel, die unteren Repräsentationsräume sind so einladend und intelligent gestaltet, selbst der Flur oben im dritten Stock des Gästeflügels sieht wie ein architektonischer Traum aus, wenn das Licht aufflammt — warum schlägt dann, wenn man die Tür hinter sich schließt, plötzlich alles in kleinkarierte Armut um? Daß die Zimmerchen auf der rechten Seite so winzig sind, daß man nur vier Schritte hin und vier Schritte zurück gehen kann, ist nicht zu ändern. Daß der abstrakte und asketische, Stil unserer Moderne,, der nur noch Gefängni! , , Daß diese kleinen Räume rnit riesigen Zentr4t heizungen wütend überheizt werden, ist auch" zu macfien? : mal schweißgebadet aufsteht und dann wieder zumacht und dann um fünf Uhr früh wieder auf. Das vertreibt einem den Schlaf, Da ist nichts gegen zu sagen.

Aber das Mobiliar, lieber Ernst Schnabel, das sollten Sie sich doch auch einmal ansehen, bei Gelegenheit. Ich spreche nicht von dem Neckermann Kleiderschrank in der Ecke. Als Frankfurter ist mir das ja vertraut. Das Tischlein zum Schreiben freilich kann nur für feine Leute reichen, die nur Unterschriften leisten — für Schriftsteller ist es einfach ein bißchen klein. Es fällt einem immer rechts und links alles runter. Ich gewöhnte mich also schon in der zweiten Woche daran, die wichtigeren Manuskripte auf dem Fußboden zu deponieren. Dann die Garderobe im Vorräumchen: da ist in zwei Meter Höhe tatsächlich eine Kleiderstange angebracht, auf die man seine Mäntel raffiniert hochwerfen kann. Mir gelang das. Aber Hut, Schal und Handschuh habe ich auch in der Garderobe vier Wochen lang auf dem Fußboden deponiert. Es fehlen da ein paar praktische Bretter, die billig wären.

Dann mache ich Sie auf den Zustand der beiden Sessel aufmerksam, die mit ihren hellgelb geschwungenen Holzbändern an die verwegene Modernität von Möbel Hübner 1934 erinnern: völkisch abstrakt, Ich bitte, vor allem den grünen Sessel auszuprobieren, nicht den blauen, der ist, vom Bezug abgesehen, intakt. Bei dem grünen fehlen nämlich an den runden Holzkufen vorn die Kanten, und wenn Sie sich, wie es mir passierte, des Morgens auf diesem Sessel frohgemut die Schuhe zubinden wollen und sich dabei etwas vorbeugen, kippen Sie mit dem Sessel um, rutschen mit ihm runter, drehen sich und liegen dann eine Weile unter dem Sessel und betrachten erstaunt das Linoleum, gegen das nichts einzuwenden ist. Man kann sich dabei auch die Knochen verstauchen. Man merkt: in den Appartements der Akademie der Künste übt der Fußboden eine ganz eigentümliche Faszination aus. Ich lernte ihn mehrfach kennen, schmerzlich. Soll ich nun meine Klagen fortsetzen? Was sind all diese Bagatellen angesichts der Mauer, nicht wahr? Sie erstrecken sich doch nur über wenige Quadratmeter und wären noch haufenweis: zum Beispiel das Badezimmer. Es ist doch keine Schwächung der Position Westberlins, wenn ich ehrlich bekenne, mich in vier Wochen nicht einmal gebadet zu haben? Warum? JWeil der winzige Wasserwärmer in diesem sonst wohlgeratenen Raum nur lauwarmes Wasser von sich gab, dafür aber in Abständen von etwa dreißig Sekunden so ungeheure Knallgeräusche, daß ich ihn, erschreckt und verschüchtert, wie Intellektuelle nun einmal gegenüber der Technik sind, nicht übertouren wollte. Ich bin auch vier Wochen durch die geteilte Stadt mit ungeputzten Schuhen gelaufen, was nach der dritten Woche doch langsam jdas Selbstgefühl eines freien 1 Bürgers spürbar vermindert. Ich habe auch vier Wochen lang meine Hosen brav auf den Fußboden gelegt, weil die Akademie der Künste den Eingeladenen nur zwei Hosenbügel zuteilt. Ich war aber, frivol genug, aus Frankfurt mit vier Hosen gekommen. Einen Kühlschrank für die Sommermonate zu verlangen, stand mir im Winter nicht zu. Aber die Kollektivküche hinter dem Fahrstuhl, mir seiner Bedächtigkeit wegen in Erinne " Ä>s£HejGf!oMslias<i im Westberlin;, Ware dasnicht schaffen gewußt. Wer einmal saß, kennt diese Tricks. Eines Nachts mauste ich mir zum Beispiel, während Lettaus "Qpen End" meine Geräusche dröhnend vertuschte, unten in den Empfangsräumen, wo alles so verschwenderisch ausgebreitet liegt, eirien zusätzlichen Aschbecher und besaß fortan zwei, was mich von den anderen Gästen durch kleine lukrative Gebärden deutlich abhob. Es gelang mir auch nach längeren, wohlgesetzten Verhandlungen mit der Küche, zwei Weingläser zu ergattern. Ich konnte also trinken. Die Gläser wurden zwar einunddreißig Tage lang nicht gewaschen, weil sie eben nicht zur Erstausstattung des Appartements gehörten, aber immerhin, das lauwarme Wasser im Bad taugte dazu.

Soll ich noch weiter mpsern? Soll ich vcn den Schwierigkeiten handeln, in der Akademie der Künste speziellen Privatlastern nachzugehen? Zum Beispiel dem Laster, nachts endlose Ferngespräche zu führen? Verbindungen nach Frankfurt, Hamburg, München zu unsittlicher Zeit zu verlangen? Schon zehn vor sieben sagte der