Ich fahre von Flensburg nach Frederikshavn, vom Norden Deutschlands zum Norden der Halbinsel Jütland. In Flensburg habe ich mich verfahren, habe die verkehrte Ausfallstraße erwischt und damit eine halbe Stunde verloren. Beim Zoll ging es nicht voran, und das kostete noch einmal 15 Minuten. Das sind nun die 45 Minuten, die mir sehr fehlen.

Um 9.17 Uhr bin ich am Zollhaus fertig. Um 13.45 muß ich spätestens in Frederikshavn sein, denn um 14 Uhr legt die Fähre nach Göteborg ab. Von der Grenze bis Frederikshavn sind es 332 Kilometer. In 268 Minuten muß ich 332 Kilometer schaffen, muß einen Schnitt von 74 Stundenkilometer halten. Auf der Straße ist Glatteis. Und ich fahre ein Auto, das zu den langsamsten der Welt zählt.

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Langsamer ist von den Fahrzeugen, die man noch als Auto bezeichnen kann, nur der "2 CV" – "das häßliche Entlein". Wer in Deutschland "2 CV" nicht kennt, wer "Deux Chevaux" nicht aussprechen kann – der kennt doch inzwischen das "häßliche Entlein", jenen von Citroën schon 1936 entwickelten und 1948 kreierten Primitivwagen, der dann nach wenigen Jahren zum vollwertigen Auto ausreifte. Der erste Typ, dessen Segeltuchhaut man von der Windschutzscheibe bis zur hinteren Stoßstange durchgehend aufrollen konnte, der einen 350-Kubikzentimeter-Motor mit 9-PS-Leistung hatte, gab dem seltsamen Gefährt seinen Namen: "Deux Chevaux". Mit diesen "Pferden" sind französische Steuer-PS gemeint, und eine französische Pferdekraft entspricht ungefähr einem Hubraum von 175 Kubikzentimetern. Der Name stimmt nicht mehr. Aus dem "2 CV", der Konstruktion aus Blech und Segeltuch (einschließlich Sitzen), mit dem 350-Kubik-Motor wurde ein 425-Kubik-Motor mit zwölf (deutschen) PS, später ein 425-Kubik-Motor mit zunächst 12 PS, dann 14 PS und schließlich 16 PS. 1961 wurde aus diesem Typ der "Ami 6" entwickelt, ein 600-Kubikzentimeter-Wagen mit 24,5 PS, futuristischer Karosserie und 115 Stundenkilometer Spitze. Vor drei Monaten kam der "3 CV" auf den Markt, der eine Kreuzung zwischen "2 CV" und "Ami 6" ist: Motor und Fahrwerk stammen (im wesentlichen) aus dem "Ami 6"; die Karosserie ist vom "2 CV" nicht zu unterscheiden.

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Ich fahre von Flensburg nach Frederikshavn, fahre mit dem "3 CV" und fahre heute schneller als alle anderen Wagen, obwohl ich doch ein so langsames Auto lenke. Dabei denke ich an eine Fahrt durch das Bergische Land mit einem 100-PS-Sportwagen. Es war Frühjahr und die Straße hatte schlimme Frostaufbrüche – bis zu dreißig Zentimeter hoch. Alle Wagen fuhren 30 Stundenkilometer. Da rauschte auf einmal – mindestens mit 70 – ein "2 CV" die Kolonne entlang.

Nun überhole ich ständig. Ich muß – trotz Glatteis und einzelnen verschneiten Straßenabschnitten – meinen Schnitt von "74" halten. Die Fähre um 14 Uhr ist die letzte Fähre heute – hat man mir im Reisebüro gesagt. Und ich halte den Schnitt – fast. Der Wagen liegt gut auf der Straße. Der gehorcht. Das ist ein Fahrverhalten, das man sonst mit fünfstelligen Summen honorieren muß – und auch dann nicht immer hat.