Die jüngste Partei der Niederlande, die "Demokraten 66", waren schon während des Wahlkampfs als Geheimtip genannt worden. Die Überraschung war dennoch groß, als das Ergebnis der Parlamentswahlen feststand, und diese Partei den Ehrenkranz des Überraschungssiegers verdiente: Mit sieben Mann zieht die D’66, wie sie sich kurz und bündig nennt, in die Zweite Kammer in Den Haag ein.

Verlierer der Wahl sind die beiden großen Parteien: die Katholische Volkspartei, sie mußte acht Mandate abgeben (bisher 50) und die Partei der Arbeit (vergleichbar mit unseren Sozialdemokraten), sie verlor sechs Mandate (bisher 43). Wähler gewonnen haben die Liberalen, sie ziehen mit 17 (bisher 16) Abgeordneten ins Parlament ein und die antirevolutionäre Partei des Ministerpräsidenten Jelle Zijlstra (eine Partei linksorientierter Protestanten), sie gewann zwei Mandate hinzu (bisher 13).

Zu den Siegern der Parlamentswahl rechnet sich der Bauernrebell und Volkstribun Hendrik Koekoek. Seine rechtsradikale Sammlungsbewegung unzufriedener Landwirte, Handwerker und Kaufleute zieht mit sieben Vertretern (bisher drei) ins Parlament ein. Der Erfolg der Bauernpartei hat mit dem Erfolg der D ’66 etwas gemein: Beide wurden von den Unzufriedenen im Lande gewählt. Und doch unterscheidet beide Parteien etwas sehr Grundsätzliches. Die Bauernpartei macht sich die auch in den Niederlanden herrschende Krisenstimmung zunutze und malt das Gespenst der Arbeitslosigkeit an die Wand.

Die "Demokraten 66" aber begnügen sich nicht mit einem vordergründigen Unbehagen; ihr Vertrauen in den Staat und seine Institutionen ist erschüttert, sie wollen die politische Reform. Der Kopf der "Demokraten 66", ist der 35 Jahre alte Journalist Hans van Mierlo; seine Jünger und Gefolgsleute sind ebenfalls junge Journalisten, Rechtsanwälte und Wirtschaftler. Ihr Programm ist ein bunter Strauß der verschiedensten Forderungen: Sie wünschen, daß der Ministerpräsident vom Volk direkt gewählt und nicht von der Königin bestimmt wird. Sie möchten eine Erleichterung der Ehescheidung, sexuelle Aufklärung in den Schulen und kostenlose Verteilung der Anti-Baby-Pille. Sie wünschen eine Anerkennung der DDR und die Aufnahme Rotchinas in die UN. Nicht ganz so hoch gesteckt sind die Ziele: Schutz gegen die Verunreinigung der Luft, und zwei offene Verkaufsabende in der Woche, damit die bis spät abends arbeitenden Menschen Gelegenheit zum Einkauf haben.

Es waren besonders die Zwanzig- bis Dreißigjährigen, die von Mierlos Ideen angetan waren. Hier – so meinten sie– bringt jemand heilsame Unruhe – eine Provo-Mentalität – in das festgefügte politische Leben der Niederlande. Über 300 000 Holländer stimmten für die neue Partei.

Allerdings ist in dem Viel-Parteien-Staat Holland (unter den 150 Abgeordneten sind elf verschiedene Gruppierungen vertreten) die Regierungsneubildung dadurch nicht erleichtert worden. Einstweilen bemüht sich der bisherige Ministerpräsident Zijlstra, die großen Parteien zu einer Koalition zu überreden. H. K.