Von Alex Natan

Mit Donald Campbell verunglückte ein nationales Idol. Millionen von Fernsehern wurden Zeugen, wie dieser Jäger des Glücks in den Tod raste. Das Rennboot schnellte im Weltrekordtempo aus dem Wasser, überschlug sich in der Luft, zerbrach beim Aufschlag und verschwand in der Tiefe des schäumenden Sees. Die Überreste des Menschen, dieses Ikarus unserer Zeit, sind bisher nicht gefunden worden. Was geblieben ist, wurde bereits Legende.

Einige Tage nach dem Unglück gab es im englischen Funk bereits eine Diskussion, ob dieser Tod wirklich notwendig gewesen war. Einige Menschen bezweifelten, in dem Bemühen, Schnelligkeitsrekorde aufzustellen, Sinn zu sehen. Cui bono? Wem hätte schon der neue Schnelligkeitsrekord genützt? Die meisten Stimmen, die sich hören ließen, wollten indessen mit einer entwaffnenden Intensität glauben, daß Donald Campbells letzte Fahrt ein romantisches Abenteuer in eine unbekannte Dimension vorgestellt habe, das seinem Vaterland neues Prestige eingebracht hätte, wenn es gelungen wäre.

Dabei wäre technologisch nichts zu gewinnen gewesen, wenn „Bluebird“ ein Maximum an Schnelligkeit entwickelt hätte. Die wissenschaftlichen Prüfer vermögen heute neue Modelle zu testen, ohne einen Menschen an Bord eines neuen Flugzeugtyps, eines neuen atomgetriebenen Unterseeboots zu haben. Campbell hatte offensichtlich die eigene Zeit ausgelebt, ohne gemerkt zu haben, daß die Welt anscheinend keinerlei Verwendung mehr für die Kampfimpulse von Mut und Herausforderung hatte. Oder etwa doch?

Christopher Brasher, der einmal eine olympische Goldmedaille in Melbourne gewann und seither ein Außenseiter und daher um so stärker zu beachtender Kommentator der sportlichen Szene geworden ist, meinte, daß Campbells Tod völlig sinnlos gewesen ist, aber doch einen tiefen Sinn für ihn selbst gehabt haben muß. Mit Recht wies Brasher darauf hin, daß Campbell sechs Weltrekorde mit seinem „Bluebird“ zwischen 1955 und 1959 aufgestellt habe, um acht Jahre später einem dunklen, inneren Trieb zu folgen, das Boot aus der Mottenkiste zu holen und es noch einmal im kalten Winter über die Wasser rasen zu lassen. Dieses Unterfangen ist, von einem rationalen Standpunkt aus gesehen, kaum zu verantworten gewesen. Aber der Sport ist ja niemals die Gesamtsumme rationaler Faktoren, das Fazit mathematischer Unvermeidlichkeiten gewesen. Irgendwo besitzt er ein Grenzland, wo menschliche Impulse einsetzen, die sich vielleicht nicht ganz verstehen, bestimmt aber empfinden lassen. Man muß Brasher beistimmen, wenn er feststellt: „Etwas in ihm zwang ihn, sich noch einmal zur Prüfung zu stellen, sich selbst noch einmal vor einer Welt zu testen, die auf immer zu verschwinden begonnen hatte.“ Brasher dachte dabei an die zwanziger und dreißiger Jahre, als die großen Koryphäen am Steuer der Rennwagen und Rennboote versuchten, die äußersten Grenzen der Schnelligkeit noch weiter hinauszuschieben.

Inzwischen hat aber die Astronautik uns bewiesen, daß man mit geschoßähnlichen Raketenraumschiffen unglaubliche Geschwindigkeiten erreichen kann, ohne daß unbedingt der Mensch das Steuer selbst zu ergreifen braucht.

Die Tragödie Donald Campbells, eben jener tiefere Sinn seines Todes, beruhte wohl in der inneren Notwendigkeit, sich davon zu überzeugen, daß er noch immer in einer Welt, die täglich künstlicher zu werden scheint. den Mut besaß, ein Risiko einzugehen, gegen ein gebrauchsfertiges Dasein anzukämpfen. Damit jedoch entsprach er einem tiefgefühlten Bedürfnis so vieler Zeitgenossen. Warum vermag die Cresta-Run mehr Menschen denn je anzulocken? Warum zwängen sich so viele junge Menschen durch die engsten Öffnungen, um unbekannte Höhlen zu entdecken? Warum lockt die Nordwand des Eigers zu allen Jahreszeiten? Warum hocken Menschen wochenlang in den finsteren Eingeweiden der Erde? Es handelt sich hier immer wieder um Prüfungen, vor sich selbst zu bestehen, sich den technologisch so bestrickenden Schlingen der Danaergeschenke unserer Gegenwart zu entziehen. Brasher kommentiert, daß es sehr viele Menschen gäbe, die eher ihr Leben als ihre Selbstachtung aufgeben würden. Da die meisten Sportarten heute kaum lebensgefährlich sind, finden diese esoterischen Selbstprüfungen auf entlegenen Gebieten statt, wo die Sicherheitsspanne nur noch unendlich klein ist. Man kann heute jeden Berggipfel erobern, wenn man technisch glänzend ausgestattet und damit abgesichert ist. Trotzdem wird der wahre Bergsteiger auf die meisten Hilfsmittel verzichten, wenn dies zünftig ist, und wird sich auf sich selbst und seine Fähigkeit, sein Talent richtig einzuschätzen, verlassen. Eigene Beharrlichkeit wird immer persönliche Furcht besiegen.

Beide Faktoren liegen stets in einem großen Sportsmann verborgen. Seine psychologischen Verhaltungen sind noch immer weitgehend unbekannt. Sie lassen sich nicht mit dem Bandmaß erfassen oder mit der Anweisung des Coach einlangen. Es handelt sich wohl um Impulse, die sich der Beurteilung entziehen, weil sie im sportlichen Bereich zu seinem tieferen Sinn gehören und daher stets individueller Natur sein müssen. Der Tod Donald Campbells war anachronistischer Natur. Er hat sportlichen Selbstmord begangen, weil mit ihm das Zeitalter der Meister motorisierter Schnelligkeit zu Ende gegangen ist.