Um gar nicht die Idee aufkommen zu lassen, es handle sich um einen Nachruf: Der Mann von dem die Rede sein soll, ist rüstig genug, um nicht die Hände in den Schoß zu legen. Der aktuelle Anlaß legt es nahe, einen Augenblick bei der Person zu verweilen.

Dr. Paul Schmidt, Gesandter a. D. war, von 1923 bis 1945 Chefdolmetscher deutscher Reichsregierungen. Er selbst bezeichnete sich rückblickend als "Statist auf diplomatischer Bühne". Ausländische Staatsmänner verzichteten auf eigene Dolmetscher, wenn Paul Schmidt dabei war. Bei der Münchner Konferenz 1938 war er der einzige Dolmetscher – Statist und zugleich Vermittler.

1952 holte ihn das gerade gegründete Münchner "Sprachen- und Dolmetscher-Institut" als Direktor. In diesen Tagen nun scheidet Paul Schmidt aus dem Amt. Soweit der Anlaß.

Berufswechsel nach Kriegen sind nichts Ungewöhnliches. Aber selten trifft es sich, daß ein Praktiker nicht nur ins Lehrfach überwechselt, sondern die Möglichkeit erhält, einem Lehrinstitut seinen persönlichen Stempel aufzudrücken.

Das Dolmetscherinstitut gehört einem privaten eingetragenen Verein, bekommt keine Zuschüsse und war in der Anlage eine Sprachenschule wie andere auch, ohne Aussicht, sich mit Universitätsinstituten wie Saarbrücken, Heidelberg oder Germersheim/Mainz messen zu können. Heute heißt es im Volksmund "Schmidt-Schule" und wird, im Gegensatz etwa zu den städtischen Sprachenschulen mit den Hochschulen in einem Atemzug genannt.

Der Erfolg, der "Schmidt-Schule", die mit 150 Schülern anfing (heute 1550), birgt kaum Geheimnisvolles: Die vier- und sechssemestrige Ausbildung zum Wirtschaftskorrespondenten oder Übersetzer und Dolmetscher kommt auf verfeinert traditionelle Weise zustande. Die Studierenden zahlen rund 350 Mark pro Semester in der Hauptsprache, in der Nebensprache noch einmal 110 Mark. Die Anforderungen sind hochgeschraubt; die Übungen sind schwerer als die Prüfungen, die Prüfungen schwerer als = die Praxis. Allenfalls gibt der Semester- und Vorlesungsstil, die Methode der Zwischen- beziehungsweise Einstufungsprüfungen und die strenge Note ab, die anderen Sprachenschulen fehlt. Das Angebot ist reichlich (Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch; für Ausländer Deutsch – das ist das größte Schülerkontingent des Instituts); Man praktiziert den Vorlesungs- und Übungsstil der Universitäten, deren Institutsarbeit ihr Pendant in den Sprachenlabors hat.

Paul Schmidt hat ein Gewebe aus allgemein politischem Credo und politisch-beruflicher Erfahrung in sein Lehrsystem eingeflochten. Im Gespräch mit ihm breitet sich ein bedächtiges Sendungsbewußtsein aus. Er spricht von einer "Sprach-Sacherlernung", von einem Prinzip der Entphilologisierung des Sprachenlernens. Es spricht der erfahrene Praktiker, der sich begnügen will, ein Stück lebendiger Zeitgeschichte zu sein.