In der Wirtschaft gibt es nur noch ein – Gesprächsthema: Nonprofileration. Konjunkturflaute, schwindende Aufträge, sinkende Gewinne – alles scheint vergessen, seit die ersten Einzelheiten des zwischen Amerika und Rußland ausgearbeiteten Entwurfs eines Atomsperrvertrages bekanntgeworden sind. In der Tat müssen unsere gegenwärtigen wirtschaftlichen Sorgen völlig nebensächlich erscheinen gegenüber der Gefahr, daß die deutsche Industrie in einem wichtigen Bereiche moderner Technologie einer einseitigen Kontrolle durch ihre Konkurrenten unterstellt wird. Die Stimmung in der Wirtschaft war zeitweise so pessimistisch, daß ein maßgebender Mann eines der größten und traditionsreichsten Konzerne davon sprach, sein Unternehmen werde eben dann "mit Forschung und Entwicklung in ein nicht kontrolliertes Land auswandern müssen".

Inzwischen hat sich die Diskussion etwas beruhigt. Erfreulicherweise scheinen nun auch die verantwortlichen Politiker in Bonn eingesehen zu haben, daß die Bundesrepublik unmöglich einen Vertrag unterschreiben könnte, der ihr im Reaktorbau und anderen (heute vielleicht noch gar nicht erkennbaren) Anwendungsbereichen der Atomtechnik die Hände bindet. Noch ist freilich die Gefahr nicht beseitigt, weil der politische Druck wachsen wird. Aber auch wenn es uns am Ende gelingen sollte, den Vertrag zu entschärfen (oder wir, bei aller Bereitschaft zu kontrollierter Abrüstung auf Gegenseitigkeit, das Abkommen eben doch nicht unterschreiben können), sollten wir über das Thema Nonprofileration nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Aus der bewegten Diskussion der letzten zwei Wochen müssen nicht nur politische, sondern vor allem wirtschaftliche und finanzielle Konsequenzen gezogen werden. Vielleicht hat es dieses Anstoßes bedurft, um uns klarzumachen, wie veraltet unsere ökonomische Struktur heute ist. England überrundet, größte Industrienation Westeuropas, dritter Platz in der Welt, zweiter sogar im Außenhandel, größter Devisenschatz außer den USA – das sind alles gewiß staunenswerte Leistungen. Aber wir sollten nicht vergessen, daß unsere ökonomischen Erfolge in den fünfziger Jahren errungen wurden und wir seitdem eine schleichende Strukturkrise erleben (die sich keineswegs nur in den gegenwärtigen Konjunkturproblemen manifestiert). Die Misere in der Luftfahrtindustrie beweist, wie weit wir in den "Zukunftsbranchen" zurückgefallen sind.

Die Bundesrepublik gibt von allen großen Industriestaaten am wenigsten für Forschung aus (gerechnet nach Bevölkerungszahl). Man kann sich eines Lächelns nicht erwehren, wenn Forschungsminister Stoltenberg verkündet, er wolle in den nächsten Jahren auf einen "Basisbetrag" von 400 Millionen Mark für die Weltraumforschung kommen. Mit dieser Summe werden wir nicht einmal in Europa an die Spitze kommen (von einer Verringerung des Abstandes zu den USA, die jährlich vierzigmal soviel für Raumfahrt ausgaben, ganz zu schweigen).

Noch haben wir die Chance, den Anschluß an den Fortschritt zu gewinnen. Aber mit Absichtserklärungen ist nichts mehr zu gewinnen: Milliarden und aber Milliarden sind notwendig, damit unsere Wirtschaft in der modernen Technologie leistungsfähig und ein interessanter Partner für andere europäische Länder wird. Die Zukunft wird teuer werden, sehr teuer. Diether Stolze