Was ihr Mann mit Beate gemacht habe, das wisse sie nicht, sie wisse nur, daß er auf Beate eingeschlagen habe mit dem Tischbein. Dann habe er sie zurück in die Wohnung geschickt. Erst am späten Nachmittag habe sie ihn wiedergesehen. Da habe er ihr gedroht, wenn sie etwas verriete, dann würde ihr etwas passieren. Zwischendurch habe sie versucht, in den Keller reinzukommen, aber das sei nicht gegangen, weil die Zahlen auf dem Schloß nicht mehr richtig gewesen seien. Zur Polizei habe sie sich schicken lassen, weil sie gehofft habe, daß die Polizei Beate finden werde. Als Beate nicht gefunden worden sei, habe sie nicht mehr geglaubt, daß Beate noch im Keller sei. Deshalb habe sie auch, als am Donnerstag ihr Bruder aus Ellenbach gekommen sei, gesagt, er solle doch über Nacht bleiben, es sei eine Matratze im Keller, die er heraufholen könne. Aber ihr Mann habe gesagt, er sei zu fertig von den Verhören, er wolle das nicht. Sie habe nichts gesagt, auch bei der Polizei nicht und später nicht; weil sie solche Angst gehabt habe vor ihrem Mann. Darum habe sie auch das Geständnis abgelegt. Ich soll alles auf mir nehmen, hat er mir gesagt, als wir bei der Polizei allein in einem Zimmer waren. Ich tat Bescheid wissen, hat er mir gesagt.

Spätestens in dem Augenblick, als Ursula Kablau diese ihre früheren Aussagen erheblich ergänzenden Einlassungen vorbrachte und als zu erwarten war, daß sie sie in der Hauptverhandlung wiederholen werde, was sie dann tatsächlich getan hat, und nachdem Walter Kablau sich einer nochmaligen Befragung ohne ein zutage liegendes Motiv auf immer entzogen hatte, wäre es an der Zeit gewesen, den undurchsichtigen Glaser einmal, so genau es noch ging, unter die Lupe zu nehmen. Aber die Staatsanwaltschaft veröffentlichte nur eine erstaunliche Erklärung, in der es hieß, es habe sich nach wie vor kein Anhaltspunkt für einen Verdacht gegen Walter Kablau ergeben. Daß Ursula Kablau ihr erstes Geständnis widerrief oder vielmehr auf eine entlastende Weise ergänzte, erschien den Ermittlungsbehörden offenbar nur zu natürlich.

Dieses Maß an Sicherheit, schon damals, von Anfang an, irritiert. Die Kriminalpolizei sprang so wenig zimperlich mit Ursula Kablau um, daß die Samthandschuhe, mit denen sie Walter Kablau anfaßte, nicht recht dazu passen wollen. Diesen Mann als unverdächtigen Zeugen gegen seine Frau zu akzeptieren, war zumindest kühn.

Mehr als anderthalb Jahre gingen von Walter Kablaus Tod bis zur Eröffnung der Hauptverhandlung am 11. Januar 1967 ins Land. Über zwei Jahre sitzt Ursula Kablau nun schon in Untersuchungshaft. So lange sollte kein Angeklagter auf sein Verfahren warten müssen. Vor allem dann nicht, wenn in dieser Zeit nichts geschieht. Und es geschah nichts.

Ursula Kablau wurde noch nicht einmal einer gründlichen Beobachtung unterzogen, jedenfalls nicht in einer psychiatrischen Klinik.

Der Mordprozeß gegen Ursula Kablau begann auf Grund einer Anklageschrift, die sich auf ihr erstes Geständnis stützte, und vor einem Ermittlungsgrab. Er begann ohne den wichtigsten Zeugen für oder wider ihre Schuld. Zwar wurde noch ein zweiter psychiatrischer Gutachter hinzugezogen, ein vielbeschäftigter, von Termin zu Termin gehetzter Gerichtsmediziner, aber erst einen Tag vor der Hauptverhandlung, und leider nur deshalb, weil das schriftliche Gutachten des ersten psychiatrischen Sachverständigen offenbar Angriffspunkte für die Verteidigung oder den Staatsanwalt bot und so eine Aussetzung des Verfahrens hätte herbeiführen können. Dieser zweite Gutachter soll nun während der Hauptverhandlung den psychischen Zustand der Angeklagten zur Tatzeit klären helfen, was selbst einem genialen Psychiater schwerlich gelingen könnte. Und er half sich damit, eine Assistentin zu Ursula Kablau in die Haftanstalt zu schicken, die der Angeklagten ein paar vorbereitete Fragen stellen und die üblichen Testspielchen mit ihr veranstalten sollte. Keiner der beiden Sachverständigen hat bisher in die Verhandlung klärend eingegriffen: Sie überließen die Angeklagte der Amateur-Psychologie des Vorsitzenden. Als ob es ungeachtet des Paragraphen 51 darüber hinaus nichts mehr, gäbe, was dringend der psychiatrischen Klärung bedürfte!

Vielleicht hat Ursula Kablau ihr Kind getötet. Vielleicht hat sie es sogar allein getan. Sicher ist nur, daß das Kind tot ist und daß es nicht aus heiterem Himmel starb.