Die Diskontsenkung der vergangenen Woche wirkte sich nach einem kurzen Strohfeuer am Aktienmarkt nennenswert nur bei den festverzinslichen Papieren aus. Es gibt keinen Zweifel mehr: Die Zinssenkung in der Bundesrepublik ist im vollen Gange. Kapitalsammelstellen sowie große Teile des Publikums sind der Meinung, daß es nun keinen Sinn mehr hat, gegenüber den festverzinslichen Papieren Zurückhaltung zu üben. Bei den Kreditinstituten hat die Umschichtung von Spareinlagen in Rentenwerte begonnen. Wenn man sich allerdings den immensen Kapitalbedarf der zahlreichen öffentlichen Hände vor Augen hält und gleichzeitig von dem Bemühen Kenntnis nimmt, ihn in aller Eile durch Schuldscheindarlehen zu decken, die eine Rendite Von rund 8 Prozent gewährleisten, dann fällt es schwer, an einen raschen Abschied der Siebenprozenter zu glauben. Immerhin ist jedoch der Ausgabekurs der neuen 7prozentigen Anleihe von Rheinland-Pfalz auf 97 Prozent heraufgesetzt worden, ohne daß dadurch ihr Absatz in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Die Emissionspolitik wird geschickter gesteuert als in den Vorjahren. Jeweils in Abständen von etwa 10 Tagen präsentiert man dem Markt eine neue Anleihe, ohne daß die Öffentlichkeit durch Bekanntgabe von Wartelisten oder Nennung von Summen, die Industrie und öffentliche Hand insgesamt vom Kapitalmarkt zu holen wünschen, erschreckt wird. Gewiß – ein Rückschritt in der Publizität, aber psychologisch richtiger.

Für die weitere Entwicklung des Rentenmarktes wird das Verhalten der Kreditinstitute entscheidend sein. Mit der Mindestreservesenkung sind sie moralisch aufgerufen, Bundeskassenobligationen zur Deckung des Eventualhaushaltes zu kaufen. Der Liquidisierungseffekt der Mindestreservenfreigabe würde verlorengehen, falls die deutschen Banken aus Zinserwägungen ihre Mittel dem europäischen oder amerikanischen Geldmarkt mehr als bisher zur Verfügung stellen sollten. Entscheiden sie sich für das "sowohl als auch", könnten sie gezwungen sein, festverzinsliche Werte abzustoßen, was zum Teil heute schon mit Gewinn möglich ist. Es gibt also einige Wolken am heute so strahlenden Rentenhimmel...

Bei den Aktien ist die Lage noch differenzierter. Die berechtigten Hoffnungen auf eine Besserung der Wirtschaftslage werden Tag für Tag durch Berichte und Meldungen gedämpft, die nur wenig in das rosarot gefärbte Konjunkturbild passen. Einerseits hört man, daß das Frühjahrsgeschäft auf dem Automarkt wieder zu laufen beginnt, auf der anderen Seite ist die Gefahr von Kurzarbeit in der Automobilindustrie noch keineswegs gebannt. Sie ermutigte die Börsenspekulation am Wochenbeginn zu sogenannten Leerverkäufen in Volkswagenaktien, zu Verkäufen von VW-Aktien, die noch gar nicht im Besitz der Händler sind, von denen sie aber hoffen, sie bald schon zu niedrigeren Kursen erwerben zu können.

Bei solchen Manipulationen handelt es sich praktisch um einen Terminhandel, der zwar nicht offiziell zulässig, technisch aber möglich ist. Es wird zu prüfen sein, ob nicht im Zuge der eingetretenen Börsenbelebung das Problem der Wiedereinführung des Terminhandels gelöst werden sollte. Heute ist das interessierte deutsche Publikum gezwungen, beim Terminhandel in deutschen Aktien schweizerische Banken in Anspruch zu nehmen.

Als spekulativ interessant gelten weiterhin die Aktien der Eisen- und Stahlindustrie. Man weiß zwar, daß aus dieser Branche vorerst wenig Gutes zu berichten sein wird, ist aber der Meinung, daß dieser Wirtschaftszweig seinen Tiefpunkt überwunden hat und allmählich in eine bessere Beschäftigung und Rentabilität hineinwächst. Der Optimismus erhielt einen Stoß durch die neuen Lohnforderungen der IG Metall, deren Erfüllung den Genesungsprozeß mit Sicherheit verzögern würde.

Als richtig hat sich der Rat erwiesen, zu Anlagezwecken Aktien der Versorgungsindustrie (Elektrizitätsunternehmen) zu erwerben, die ihrem Ruf, konjunkturunempfindlich zu sein, alle Ehre machen. Die Mehrzahl der großen Elektrizitätsgesellschaften ist in der Lage, ihre Dividenden zu erhöhen. Die Hamburgischen Electricitätswerke (HEW) werden nicht nur ihre Ausschüttung auf 12 (11) Prozent aufstocken – wie der jüngste Aktionärsbrief vermuten läßt, sie waren darüber hinaus in der Lage, ihre beträchtlichen Investitionen im abgelaufenen Geschäftsjahr aus eigener Kraft zu finanzieren sowie die Schuldenlast abzubauen. Dieses günstige Ergebnis gab den Anstoß zu weiter steigenden Kursen auf einem Marktgebiet, auf dem sich auch zahlreiche Investment-Fonds neu engagiert haben dürften.

Bei den Standardaktien des Chemie- und Elektromarktes ging es bemerkenswert ruhig zu. Die Analytiker streiten sich darüber, wer von den drei großen Chemie-Konzernen (BASF, Bayer oder Hoechst) gegenwärtig am meisten Vertrauen verdient, eine Frage, die deshalb schwer zu entscheiden ist, weil man zur Zeit noch nicht ausrechnen kann, welchen Nutzen die bei allen drei Unternehmen im Gange befindliche Expansion bringen wird. Gefühlsmäßig gibt man der Hoechster Aktie zur Zeit den Vorzug. K. W.