Rom, im Februar

Die Deutschen stehen wieder einmal an der Front. Liest man in diesen Tagen die Weltpresse, dann drängt sich einem der Eindruck auf, als ob der Abschluß des Atomsperrvertrages vornehmlich am deutschen Widerstand zu scheitern drohe. Presse, Wissenschaft, Industrie und Politik in der Bundesrepublik haben sich, so scheint es, spontan zum Schutze der "nationalen Interessen" erhoben. In Rom und wohl auch anderswo wirkt dieses Bild jedoch weit weniger eindrucksvoll, als es sich vielleicht aus nächster Nähe ausnimmt.

Die Italiener haben die gleichen Sorgen wie wir. Auch sie sind stark daran interessiert, daß ihre friedliche Atomforschung durch etwaige Kontrollbestimmungen des Sperrvertrages nicht behindert, daß nicht die Diskriminierung zwischen Atommächten und Nichtatommächten verewigt, ihre Sicherheit nicht beeinträchtigt und eine Verbindung zwischen Nichtproliferation und Abrüstung hergestellt wird. Sie haben im Rahmen der NATO eine ganze Reihe von Einwänden gegen den ersten Entwurf des Sperrvertrages vorgetragen und keinen Zweifel daran gelassen, daß an dem Text noch Entscheidendes geändert werden muß, ehe er die italienische Unterschrift erhalten kann.

Aber die Italiener haben sich trotz alledem gehütet, die Angelegenheit in der Öffentlichkeit hochzuspielen. Industrieverband, Atomenergiebehörde, die staatliche Holdinggesellschaft IRI und Vertreter der Wissenschaft halten sich bisher mit öffentlichen Stellungnahmen betont zurück, die Politiker erklären übereinstimmend ihre Zustimmung zum Gedanken der "Nonproliferation". Im Außenministerium spricht man bescheiden von "technischen Fragen", die noch geklärt werden müßten. Hinter diesem Schirm der grundsätzlichen Zustimmung verhandelt man zäh, überläßt aber das Rühren der Trommel den Deutschen.

In Bonn könnte man aus diesem Verhalten einiges lernen. Vor allem dies, daß die Wahrung "nationaler Interessen" nicht unbedingt identisch ist mit lautstarkem Auftreten. Germans to the front – wieso eigentlich? Sie ziehen nur das Propagandafeuer auf sich, während die Entscheidung doch weit hinten in der Etappe der Hauptquartiere fällt. s-e