Marc Riboud: Die drei Banner Chinas. Vorwort von Han Suyin. Kossodo-Verlag, Genf. 216 Seiten, 42,– DM

"Das China von heute ist weder ein Einwanderungsland noch ein Ferienland. Sein Aufbau vollzieht sich nicht, um dem Ausland zu gefallen. Sein Problem und sein Stolz ist es, 700 Millionen Menschen, die im Chaos und im tiefsten Elend gelebt haben, in das 20. Jahrhundert zu führen. Und mit Hartnäckigkeit besteht es darauf, bis zum Ende revolutionär zu bleiben."

Jedes Buch über China, das heute erscheint, ist von den jüngsten Ereignissen überholt, doch eines, das mit einem solchen Abschnitt schließt, verdient das Vertrauen des europäischen Lesers. Der französische Bildjournalist Marc Riboud, dessen Formulierungen auf so überraschende Weise bestätigt werden, ist 1965 rund 20 000 Kilometer kreuz und quer durch China gereist, und zwar mit der Eisenbahn, das heißt in ständigem engem Kontakt mit der Bevölkerung. Man wird von einem solchen Bildband, auch wenn er noch so intelligente Photos und Texte bietet, kein vollkommenes oder gar "typisches" Bild Chinas erwarten können, dessen Dimensionen sich der Europäer immer wieder durch Vergleiche zu Bewußtsein bringen muß. Wenn einem die aus China übermittelten Nachrichten verständlicher zu werden scheinen, ist das schon viel. Marc Riboud gelingt es, das revolutionäre China zu zeigen, wie es wirklich ist – und zwar auf eine durchaus differenzierte Weise.

China ist revolutionär, das heißt: das Leben von siebenhundert Millionen Menschen wird von ideellen Zielen bestimmt, ohne daß es in dieser Phase für den einzelnen einen Spielraum für persönliche, materielle Wünsche zu geben scheint. Auf unsere Verhältnisse übertragen hieße das: die Bevölkerung der Vereinigten Staaten, Europas und der Sowjetunion zusammen lebt unter drei spartanischen Grundparolen, den "drei Bannern", auf jeder Plakatwand sichtbar. Sie heißen "Volkskommunen", "Der große Sprung nach vorn" und "Die Richtlinien der Partei". Man stelle sich dabei vor, daß die Bevölkerung der Vereinigten Staaten, Europas und der Sowjetunion durch die politischen Vorgänge der letzten hundert Jahre ruiniert, verarmt und nun aus halbkolonialem Status befreit, schon den Besitz einer Weckuhr, eines Fahrrades oder eines eisernen Pfluges als wirtschaftlichen Fortschritt empfinden würde.

In der Tat kann man in China den Fortschritt nicht an der Zunahme von Fernsehgeräten oder Personenwagen messen, sondern daran, ob Nahrung und Kleidung ausreichen und ob die Stromversorgung gestiegen ist. Man kann den Vergleich noch ausbauen: der Anteil der Analphabeten habe in den Vereinigten Staaten, Europa und der Sowjetunion zusammen noch im Jahre 1949 etwa vier Fünftel betragen, und in den Straßen von Kopenhagen, Paris oder New York habe man jährlich wie in Schanghai 25 000 Leichen aufgelesen. Dieser unvorstellbar verarmten Menschenmasse wird nun, unter dem Regime der Kommunisten, ein puritanisches Programm aufgezwungen, das dem einzelnen die "Fünf Garantien" bieten soll: Nahrung, Kleidung, Wohnung, Schule und Arztkosten. Der sogenannte "große Sprung" umfaßte noch fünf weitere Punkte, die aber fallengelassen werden mußten.

Die Kontraste zwischen dem industriellen und dem bäuerlichen China, die dieser Bildband zeigt, wirken vor dem Hintergrund einer solchen Armut doppelt eindringlich: der Reisbauer mit Büffel und Holzpflug vor den bizarren Felsen von Kuang-si, ein Mädchengesicht vor einem Mikroskop "made in China", marschierende Kinder mit Holzgewehren, weibliche Ingenieure aus dem Stahlinstitut zu Peking und Studenten, die im Arbeitseinsatz als Kulis Erde schleppen – alles das ist mit hoher optischer Raffinesse, zugleich aber mit Sachlichkeit ins Bild gebracht und von den nicht immer glatt übersetzten Texten überzeugend kommentiert.

So sieht man ein Stück von China, und zwar eines, zu dem auch Herr Lou Lei-i gehört, ein Nationalkapitalist, ein eleganter, urbaner Mann mit seiner Gattin, auf dessen Kamin eine Büste von Mao steht, verblüffend, selbst wenn Lou Lei-i seinerseits ein Schaustück wäre. Nationalkapitalisten sind chinesische Industrielle, die nicht emigrierten. Ihr Besitz wurde verstaatlicht, aber sie erhielten fünf Prozent des Schätzwertes und blieben Direktoren ihrer Firmen, wie Herr Lou Lei-i, der sogar politische Rechte erhielt und heute Mitglied der konsultativen Nationalversammlung und Vizepräsident der Handelskammer von Schanghai ist – wenn er es noch ist. Immerhin stimmt sein Anblick nachdenklich, und man beginnt zu ahnen, welche Zwangsvorstellungen dem Versuch zugrunde liegen, diesen siebenhundert Millionen Menschen entgegen den Gesetzen politischer Trägheit eine permanente Revolution, das heißt einen sozialistischen Puritanismus aufzuzwingen.