Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Seit Jahren tragen sie Talar und Kreuz. Seit Jahrzehnten predigen und trauen und taufen sie. Und dennoch kann eine junge Theologiestudentin sich nicht vornehmen, Pastorin zu werden. Sie muß, wie Dr. Elisabeth Haseloff sagt, die seit 1941 in einer Lübecker Gemeinde ordiniert ist, "freiwillig in eine ungeklärte Situation gehen". Die männlichen Theologie-Kollegen haben nichts dagegen, daß sie studiert. Auch nicht, daß sie sich dezent schminkt, wenn sie zur Kanzel schreitet. Aber sie hätten es am liebsten, wenn sie erst gar nicht auf den Gedanken käme, öffentlich predigen zu wollen.

Was geschieht hier? Warum wird Frauen verwehrt, was ihnen in allen Berufen möglich ist: das anzuwenden, was sie gelernt haben? Und warum werden Ausnahmen gemacht?

Ungeklärt ist die Situation der Theologin vor allem, weil die evangelischen Christen ohne allgemeingültige Kirchengesetze leben, dafür aber eine der kompliziertesten Kirchenhierarchien aus mehr oder weniger gleichberechtigten Einzelteilen aufgetürmt haben.

Da gibt es die Evangelische Kirche der Union, EKU, Nachfolgerin der altpreußischen Kirche; die Evangelische Kirche in Deutschland, EKD, Nachfolgerin der Deutschen Evangelischen Kirche; den Bund Evangelisch Reformierter Kirchen Deutschlands, Nachfolger einer Hugenottengruppe, die im Rahmen der lutherischen Kirche selbständig ist; die Vereinigte Evangelisch Lutherische Kirche Deutschlands, VELKD. Alle diese Kirchen haben sich selbstverständlich mit dem Problem der Theologin mit Pastorenambition auseinanderzusetzen gehabt. Viele lehnten Pastorinnengesetze von vornherein ab. Einige Gliedkirchen formulierten nach jahrelangen Beratungen umstrittene Gesetze. Grob verallgemeinert kann man sagen: Der große Block der Lutheraner steht noch ziemlich ungerührt da. Dafür ist Lübeck früh "liberal" gewesen; und Hamburg und Bayern gelten als "Bollwerke der noch männerrechtlich regierten Kirche".

Das Ergebnis: es gibt rund zehn verschiedene Pastorinnengesetze, verschieden in allem. Die Evangelisch Lutherische Kirche hat nur Richtlinien veröffentlicht. Die anderen Gliedkirchen haben Gesetze erlassen, die einander teilweise widersprechen

In einigen hat die ordinierte Theologin das Recht, sich "Pastorin" zu nennen, bekommt aber nur "im Falle besonderer Notwendigkeit in zeitlich und örtlich beschränkter Weise die Verwaltung eines Gemeindeamtes" übertragen. In anderen Bistümern heißt sie "Vikarin", amtiert aber wie jeder Gemeindepfarrer. Selbst die Frage der Ordination ist nicht einheitlich geregelt; in manchen Kirchen wird die Theologin eingesegnet, in anderen "wie ein Pfarrer" ordiniert. Sogar Fachleute sagen, daß sie den Unterschied in diesem Fall nicht definieren können.