Von Petra Kipphoff

Als vor ein paar Jahren der Verlag Kiepenheuer & Witsch beschloß, dem amerikanischen Erzähler Jerome David Salinger, dessen (ohnehin knappes) Werk im Deutschen bis dahin nur in monströsen Verstümmelungen vorlag, die Chance eines neuen Starts zu geben, da war man dankbar und froh über diesen nur allzu berechtigten, aber für den Verleger auch kostspieligen Entschluß. Was wogen ein paar kleine Einwände, ein Seufzer über verpatzte Nuancen, angesichts der Tatsache, daß Heinrich Böll den "Fänger im Roggen" neu übersetzt hatte, daß ein großer deutscher Verlag und ein großer deutscher Autor Geld und Mühe aufwandten, um einen großen amerikanischen Autor bei uns einzuführen?

Heinrich Böll hat seit jenem Jahr 1962, inzwischen um seine Frau Annemarie bereichert, auch die anderen Werke Salingers übersetzt: "Franny und Zooey", "Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute, und Seymour wird vorgestellt". Die Kritik reagierte meist begeistert, Kollegen wie Lettau oder Baumgart engagierten sich in Besprechungen, ein Erfolg wurde Salinger bei uns trotzdem nicht. Schreiber mit der Kultur und Sensibilität eines Salinger oder eines Updike kommen offensichtlich nicht an (und haben allerdings auch im eigenen Land nicht den Publikumserfolg, den zum Beispiel Norman Mailer genießt).

Eine plumpe Unterstellung wäre es nun, zu vermuten, der Verlag Kiepenheuer & Witsch habe aus diesem guten Grund das Interesse an Salinger verloren. Aber auf solche oder ähnlich krumme Gedanken kommt, wer sieht, mit welch brutaler Verständnislosigkeit das nach und neben dem "Fänger im Roggen" schönste Werk Salingers, die "Nine Stories", von den Verantwortlichen behandelt wurde –

Jerome D. Salinger: "Neun Erzählungen", aus dem Amerikanischen von Elisabeth Schnack, Annemarie und Heinrich Böll; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 268 S., 14,80 DM.

Kritik an Übersetzungen, das habe ich bereitwillig von diesem und jenem übersetzenden Kollegen gelernt, ist oft nicht mehr als ein wohlfeiler Rezensententrick, unfair herausgepickte Zitate täuschen Gründlichkeit vor, wo es doch gälte, eine runde und in vielerlei Hinsicht komplexe Leistung zu messen.

All dieser Mahnungen eingedenk und obwohl die Frankfurter Allgemeine Zeitung bereits von "den vorzüglichen Übersetzungen von Elisabeth Schnack und Annemarie und Heinrich Böll" sprach und die Neue Zürcher Zeitung die "ausgezeichneten Übersetzungen" derselben Personen zu rühmen wußte, erscheinen mir diese Übersetzungen leider und vorwiegend miserabel.