Aber seriöse Institute setzen sich durch

Wenn einer Hausfrau in einem bunten Prospekt versprochen wird, schon nach der Lektüre weniger Fernunterrichts-Briefe werde es ihr möglich sein, sich ein großes Abendkleid selber zu schneidern, "daß alle Ihre Freundinnen vor Neid erblassen", so wird es schwer sein, (vor allem gegen den letzten Teil der Behauptung) das Gegenteil zu beweisen. Warum die Freundinnen erblassen, wird sich nicht immer exakt ermitteln lassen. Aber schon die Ankündigung, mittels Fernunterweisung könne jeder lernen, so zu zeichnen wie Picasso, wird – zumindest beim Vergleich mit nur einigen der Skizzen des großen Spaniers – zu widerlegen sein.

Vollends in die Bereiche unlauteren Wettbewerbs geriete eine Fernschule, wenn sie verspräche, ihre Briefschüler zu Ingenieuren zu machen. So operieren denn die Prospektverfasser zwar gelegentlich in fettgedruckten Überschriften mit dem Begriff "Ingenieur-Schule" oder "Polytechnikum", erbieten sich aber ein paar Zeilen tiefer, nur bis an die Schwelle dieser Institute zu führen. Eine Graduierung zum Ingenieur der verschiedenen technischen Disziplinen kann nämlich (außer in Hessen) nur nach vorgeschriebener Studiumsdauer und einer staatlicherseits in Regeln gebannten Prüfung erfolgen. So hat die gesetzliche Aufwertung des bisher viel mißbrauchten Ingenieurstitel den Fernschulen ein wirksames Werbe-Argument genommen.

Wissen per Post

Freilich nur den weniger seriösen unter diesen Institutionen. Sie aber scheinen in der Überzahl zu sein; denn Fachleute, die sich eingehend mit diesem alten, heute aber besonders aktuellen Zweig der Erwachsenenbildung befaßt haben, behaupten, unter den hundertzwanzig bis hunden vierzig Instituten dieser Art, die in der Bundesrepublik Wissen auf dem Postwege verteilen, seien kaum mehr als ein Dutzend, im Höchstfalle zwanzig Unternehmen, die ernst genommen zu werden verdienen. Ein paar davon sind gemeinnützig und werden beispielsweise von den Gewerkschaften oder der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft getragen. Die anderen sind reine Wirtschaftsunternehmen mit Gewinnstreben. Und daß eben nicht bei allen die Leistung der geforderten erklecklichen Bezahlung entspricht, führt zu einer starken Fluktuation nicht nur in den Schülerzahlen, sondern auch im Bestand dieser Unternehmen. Immerhin weiß man, daß eines der größten von ihnen rund fünfhundert pädagogische und administrative Mitarbeiter beschäftigt.

Dennoch sollte man sich hier nicht auf die Gesetze von Angebot und Nachfrage zurückziehen und das Argument ins Feld führen, nicht Lebensfähiges sterbe von selber aus. Dieses Argument kann nämlich für die, meist wirtschaftlich schwachen Kreisen angehörenden Schüler sehr teuer werden, teuer an Geld und an verlorener Zeit.

Etwa 300 000 Menschen versuchen mit den Methoden des Fernunterrichts ihre wirtschaftliche Lage und vor allem ihre soziale Stellung zu verbessern. Das fängt bei jenen an, die ein wenig zu spät eingesehen haben, daß der Abschluß einer acht- oder neunklassigen Volksschule die unterste Stufe der Erfolgsleiter bildet. Eingeschlossen sind auch hier die ungelernten oder angelernten Kräfte des gewerblichen oder industriellen Sektors, bei denen das Weiterkommen oft von einer Gehilfen- oder Facharbeiterprüfung abhängt.