Der Ostberliner "Sonntag" vermißt in der Republik filmästhetisch geschulte Leinwand-Fans: "Die Entwicklung einer Zuschaukultur beim Massenmedium Film ist bei uns noch immer von sehr vielen Zufälligkeiten und spontanen Entwicklungen abhängig", schreibt das Blatt. Und tatsächlich – es ist schon ein Faktum, täglich im Straßenbild Ostberlins aufs neue belegbar: Die DDR-Jugend konsumiert gewöhnlich gern Westfilme, unbesehen, Hauptsache West-Stars – deren Konterfeis es übrigens in jedem besseren Postkartengeschäft am Alexanderplatz und in der Friedrichstraße zwischen den Photos der DEFA-Größen zu kaufen gibt. Dort, wo die Westfilme laufen – und das sind oft über fünfzig Prozent aller Lichtspieltheater Ostberlins, gleichzeitig – bilden sich abends Schlangen vor den Kassen. DDR-Produktionen, wo sie politische Problematik versprechen, läßt man gern links liegen. Diesem Übel filmologischer Unbildung suchen seit einiger Zeit rund 90 "Filmclubs" im Lande abzuhelfen, zusammengeschlossen in der "Arbeitsgemeinschaft der Filmclubs der DDR". Für September 1967 planen die Filmclubs nun ihr zweites Film-Seminar in Meißen, das diesmal seltene Stücke zum Thema "Klassischer sowjetischer Revolutionsfilm" zeigt. Etwa das Filmfragment "Die Mutter", das Alexander Rasumnyj 1919 – sieben Jahre vor der bekannten Verfilmung dieses Gorki-Romans von Pudowkin – gedreht hat, ferner frühe Revolutionsfilme von Gardin, Pudowkin, Protasanow, Ermler und Trauberg. Ob es auch einmal zu – allgemein zugänglichen – Seminar-Festivals über den französischen oder italienischen Film, die doch gewiß im DDR-Sinne progressiv sind und die ja auch kleckerweise Ostberlins Kinos erreichen, kommen wird? B. J.