In serviendo consumor: Die Devise Bismarcks könnte auch über dem Leben des Sozialdemokraten Fritz Erler stehen. Er hat sich buchstäblich im Dienst verzehrt – im Dienst an Deutschland, dessen jüngste Geschichte er, wie er einmal schrieb, nicht nur aus Büchern kannte, sondern in wechselnden Rollen durchlebt und durchlitten hat. Man muß hinzusetzen: Im vergangenen Jahrzehnt hat er sie auch entscheidend geformt.

Fritz Erler ist früh gestorben, noch keine 54 Jahre alt – man war geneigt, es zu vergessen, wenn man in sein graues, zergrübeltes, lange schon von der tödlichen Krankheit gezeichnetes Antlitz blickte. Sechsundzwanzig Jahre alt war der sozialdemokratische Widerstandskämpfer gewesen, als ihn der Volksgerichtshof zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilte; zweiunddreißig, der Landrat von Biberach, als die Franzosen ihn auf ein Jahr ins Internierungslager schickten, weil er sich weigerte, desertierte deutsche Fremdenlegionäre auszuliefern; vierzig, als er bei den Wahlen zum SPD-Parteivorstand noch mit Pauken und Trompeten durchfiel – die Quittung für seinen frühen, auf die Umwandlung der SPD zur Volkspartei gerichteten Reformgeist; fünfzig erst, als er sich fest etabliert hatte: die bedeutendste Intelligenz der Opposition, wo nicht ihr stärkster Wille, ihr eindringlichster Redner, Anwärter auf den Posten des Verteidigungsministers wie des Außenministers, "eine sozialdemokratische Mehrzweckwaffe", wie er ironisch formulierte – ein SPD-Fraktionsvorsitzender, den viele im Lande für den besten denkbaren Bundeskanzler hielten.

Es war Fritz Erlers Tragik, aber auch die Tragik der Nation, daß die tückische Blutkrankheit ihn just in dem Augenblick lähmte, da die Frucht seiner Politik den Sozialdemokraten in den Schoß fiel: die Teilhabe an der Macht. Vom Krankenbett aus riet er seinen Parteifreunden noch zum Abschluß der Großen Koalition. Es war ihm nicht mehr vergönnt, das Bild des Gesetzgebers, des Rhetors, des Oppositionsführers Erler abzurunden durch die Leistung des Staatsmannes Erler.

Für Deutschland, nicht für die Partei hat er gedacht, gestritten, plädiert – im Inland wie im Ausland, mit kalter Leidenschaft und tiefer Überzeugungskraft. Beim Abschied von Fritz Erler darf, ja muß es heißen: Er hat sich um das Vaterland verdient gemacht. Th. S.