Die atlantischen Zwistigkeiten werden immer größer

Von Joachim Schwelien

Washington‚ im Februar

In seinem neuen Buch "Responsibility and Response" teilt General Maxwell D. Taylor die Welt in vier Kategorien von Staaten ein: Erstens die USA als Ordnungsmacht, die früher wie ein einäugiger Zyklop auf den kommunistischen Block gestarrt habe, ihn aber jetzt mit der vieläugigen Wachsamkeit des Argus beobachten müßte; zweitens die kommunistischen Störenfriede (troublemakers) wie die Sowjetunion, China, Nordvietnam und Kuba; drittens ihre tatsächlichen oder potentiellen Opfer (victims) unter den rund neunzig Entwicklungsländern auf drei Kontinenten, die der kommunistischen Subversion und Expansion ausgesetzt sind mit Südvietnam als klassischem Exempel; und viertens die müßigen Zuschauer (bystanders), zu denen vornehmlich die europäischen Verbündeten Amerikas zählten.

In der Betrachtung des Diplomaten-Generals und Strategen Taylor, dem der Übergang von der massiven Vergeltung zur elastischen Erwiderung im militärpolitischen Denken Amerikas zu verdanken ist, der maßgeblich zu der gegenwärtigen Form des amerikanischen Engagements in Südostasien beigetragen hat, der Lyndon Johnson noch heute als Sonderberater für Vietnam dient und der die weltpolitischen Richtlinien zweier Präsidenten stark beeinflußte, erscheinen die westeuropäischen Allianzpartner als eine passive, zweitrangige Größe. Taylor hat nur ausgesprochen, was in den Führungskreisen der USA allgemein verbreitete Ansicht ist: die Westeuropäer sind außerstande, ihre wirtschaftliche Leistung in militärische oder politische Substanz umzuwandeln, die über den engen Horizont ihrer unmittelbaren, kleinräumigen nationalen Grenzen hinaus wirksam wird. Sie sind als Potenz so bedeutungsvoll; daß sie in den Schutzkreis der amerikanischen Interessen einbezogen bleiben müssen, aber es ist unmöglich, sie als Element einer globalen politischen Strategie nach amerikanischen Vorstellungen zu aktivieren.

In Europa nun findet sich eine ähnliche Geringschätzung der Vereinigten Staaten – in der umgekehrten Richtung. Zunehmend setzt sich die durch, die Amerikaner verschwendeten ihre Macht an der falschen Stelle,– in Südostasien; sie stünden im geheimen Bund mit der Sowjetunion – um den Status quo in Europa zu konservieren; und sie machten brutal von ihrer wirtschaftlichen und technologischen Überlegenheit Gebrauch, um Westeuropa ökonomisch zu kolonisieren.

In etwas extravaganten europäischen Betrachtungen wird den Amerikanern sogar unterstellt, sie seien heute bereits drauf und dran, den gemeinsamen westeuropäischen Verteidigungsbereich des atlantischen Bündnisses völlig zu denuklearisieren und aus ihm in einem diabolischen Arrangement mit Moskau eine neutrale Zone machtpolitisch impotenter Wohllebigkeit zu machen.