Von Adolf Metzner

In dieser Woche wollten drei junge Hamburger mit einem kleinen Segelboot zu einer Ozeanüberquerung starten, wie einst Dr. Lindemann. Während sich aber der deutsche Arzt 1956 mit geradezu wissenschaftlicher Akribie für seine zweite Fahrt mit einem Faltboot vorbereitete und auf See navigieren konnte, setzten diese drei "Wikinger" ihr Leben leichtfertig aufs Spiel.

Charles Lindbergh, einer der letzten "kühnen Männer in den alten Kisten", flog mit seiner wackeligen "Spirit of St. Louis" als Pionier, als Wegbereiter des heutigen Ozean-Flugverkehrs über den Atlantik. Er wird deshalb unvergessen bleiben.

Der deutsche Arzt Hannes Lindemann hat sicher eine größere menschliche Leistung als Lindbergh vollbracht, als er den Ozean von Europa nach Amerika in einem Serienfaltboot in 76 Tagen überquerte. Aber seine Tat war in den Augen vieler ein verrückter Anachronismus, und wenn später einmal Lindbergh immer noch in den Annalen verzeichnet steht, ist der Name Lindemann längst in alle Winde verweht.

Aber immer wieder findet seine Tat Nachfolger, immer wieder einmal zwängen sich "Wahnsinnige" in ein winziges Boot, mit einem Lappen als Segel, um damit die unendliche See zu bezwingen, oder aber sich von ihr verschlingen zu lassen. Ginge es nach ihnen, würde der Name Dr. Lindemann wie der eines Whymper, des ersten Besteigers des Matterhorns, für immer in den Marmor des Pantheons der Unsterblichen eingemeißelt werden. Donald Campbell jedoch, das kann man prophezeien, wird keine Proselyten mehr finden, da er sich noch an den antiquierten Ideen seines Vaters berauschte, die von einer neuen technischen Entwicklung bereits überholt worden waren.

Nun könnte man einwenden, wenn schon Campbell junior um einige Jahrzehnte zu spät kam, dann der Dr. Lindemann um einige Jahrhunderte! Das klassische Zeitalter der wagemutigen Seefahrt sei längst versunken und Geschichte geworden. Bravourstücke solcher Einzelgänger seien deshalb heute ohne Sinn, sie blieben ohne Folgen und würden mit Recht, nachdem sie eine kurze Schlagzeile gemacht hätten, in den Orkus der Vergessenheit versenkt.

Dennoch glaube ich, daß im Gegensatz zu dem Rekordrausch Donald Campbells die extreme Leistung des damals 34jährigen Arztes keine Donquichotterie war. Sprengt sie auch den Rahmen des Sportes, so ist Dr. Lindemann doch ein Prototyp jener Männer, die im Zeitalter der Automation den menschlichen Körper, der scheinbar immer mehr entwertet wird, neu entdecken und Fähigkeiten entwickeln, von denen vordem niemand auch nur etwas ahnte.