Ein Leben ohne Chance – Der Frankfurter Kindsmordprozeß gegen Ursula Kablau (I)

Von Uwe Nettelbeck

Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet. Strafgesetzbuch § 211

Am Abend des 5. Januar 1965, einem Dienstag, erschien auf einer Polizeiwache der Frankfurter Innenstadt die vierundzwanzigjährige verheiratete Reinmachefrau Ursula Kablau und gab das Verschwinden ihrer kleinen Tochter, der siebenjährigen Beate, zu Protokoll. Das Kind habe, erklärte Ursula Kablau unter Tränen, gegen Mittag die Wohnung verlassen und sei nicht zurückgekehrt.

Nach einer kurzen, routinemäßigen Befragung schickte die Polizei Ursula Kablau nach Hause: Sie solle sich bis zum nächsten Morgen gedulden, vielleicht finde sich das Kind von selber ein.

Aber Beate blieb verschwunden, auch über Nacht. Am nächsten Morgen erschien Ursula Kablau erneut auf der Revierwache 1 – diesmal in Begleitung ihres Mannes, des achtunddreißigjährigen Glasers und Hausmeisters Walter Kablau, des Stiefvaters. Er sei in Sorge, erklärte Walter Kablau, er könne sich nicht vorstellen, was mit dem Kind geschehen sei. Vergeblich habe er das ganze Haus von oben bis unten nach Beate abgesucht.

Die Polizei versprach, alles Notwendige zu veranlassen, nahm eine förmliche Vermißtenanzeige auf und kurbelte die Fahndung an. Kriminalbeamte suchten die Wohnung der Eltern in der Großen Friedberger Straße 31 auf – ein kärglich eingerichtetes Zimmer, das die im selben Haus untergebrachte Einkaufsgenossenschaft selbständiger Glaser, bei der Walter Kablau arbeitete, ihm und seiner Familie, zu der noch die vierzehn Monate alte Tochter Dagmar zählte, als Hausmeisterswohnung zur Verfügung gestellt hatte. Das alte Haus, das wie ein düsterer Block in der geschäftigen Innenstadtstraße steht und durch dessen schmale Hofeinfahrt man in einen geräumigen Hof gelangt, steckte an diesem Morgen voller Polizisten. Hunde wurden eingesetzt, die Beamten verhörten die Hausbewohner und die Arbeitskollegen Walter Kablaus – Beate blieb spurlos verschwunden, niemand wußte über ihren Verbleib etwas zu sagen.