Carlo Schmid: Bundestagsreden. Verlag AZ-Studio, Bonn. 340 Seiten, 6,80 DM

Carlo Schmid hat seine im Bundestag gehaltenen Reden zusammenstellen und publizieren lassen. Sie sind, wie Fritz Erler in seinem Vorwort meint, ein Stück Zeitgeschichte und werden es bleiben. Die Reden des langjährigen Vizepräsidenten und jetzigen Bundesministers Schmid wurden ungekürzt in die Sammlung aufgenommen. Darauf mag der Herausgeber Hansjoachim Daul anspielen, wenn er in seinem Kommentar den Satz einfließen läßt, Parlamentsreden seien keine ausgefeilten Vorträge, sondern ebenso der Gunst des Augenblicks unterworfen wie die politischen Ereignisse, zu denen sie Stellung nehmen.

Die großen Einsichten und Irrtümer, auch die manchmal etwas verschwommenen politischen Konturen der Bundesrepublik, ihrer Christlich Demokratischen und ihrer Sozialdemokratischen Partei werden in den Reden Carlo Schmids deutlich. Er war und ist ein beredter, loyaler, an den Einzelheiten der Probleme meist nicht sonderlich interessierter Wortführer seiner politischen Freunde im Parlament, aber er war nie vor allem Sprecher seiner Partei. Immer spürt man die Person, den ganzen Carlo Schmid in seinen Reden. Es ist kein bloßer Zufall, daß in seinem Lebenslauf, den er der Ausgabe beifügen ließ, seine Zugehörigkeit zu den engeren Führungsgremien der eigenen Partei abschließend und sozusagen am Rande vermerkt wird.

Carlo Schmid hat sich, um ein von ihm geschätztes Wort zu variieren, seinen eigenen Platz im Koordinatensystem von Politik und Geist gesucht und gesichert. Man kann sich nicht vorstellen, daß er sich im Bundestag an einer Geschäftsordnungsdebatte beteiligen würde oder überhaupt parlamentarischen Regularien intensive Aufmerksamkeit schenkte. Als Präsident des Hauses hat er sie nichtsdestoweniger ernst genommen, obwohl Kenner des amtierenden Präsidenten Schmid darum zu wissen meinen, daß er die gelegentlich spürbare Kluft zwischen den eigenen intellektuellen Neigungen und den jeweiligen Verhandlungsgegenständen des Hohen Hauses auf seine Weise zu überbrücken wußte. Die Handhabung der Geschäftsordnung überließ er dann seiner linken Hand.

Die Reden Carlo Schmids im Bundestag reichen von der Wiedergabe seiner Gedanken zur Wiedergutmachung und zur Ehre des deutschen Soldaten über Themen wie das Rote Kreuz, das Reichskonkordat, den Antisemitismus oder die auswärtige Kulturpolitik bis hin zu den großen Fragen Europa, Deutschland, Parlament, Staat.

Im ganzen enthält die Sammlung 23 Parlamentsreden. Man kann dafür ebenso wenig einen einheitlichen politischen, sachlichen und selbst sprachlichen Nenner finden, wie für den Mann, der sie gehalten hat. Das spricht nicht gegen ihn.

Ulrich Lohmar