Daß Coco Chanel, die berühmte Pariser Modeschöpferin, Wert darauf legt, bei ihren 83 Jahren immer noch mit "Mademoiselle" angeredet zu werden, ist ihre Sache. Wann und wodurch ein "Fräulein" anfängt, Frau zu werden: in diese Frage misch ich mich nicht ein. Mir scheint nur, daß es gut wäre, hätten wir noch mehr von solchen Damen, die, ob Madame oder Mademoiselle, gegen den Strom zu schwimmen bereit sind, zumal, wenn Charakterfestigkeit mit so viel Charme verbunden ist.

Und so, auf ihre charakterfeste, charmante Weise, hat Mademoiselle Chanel Verwirrung, Verblüffung und Empörung in jenem Reiche angerichtet, in dem sie selber Königin ist: im Weltreich der Mode. Sie hat es ganz einfach eine "Verrücktheit" genannt, daß allein die Rocklänge heute bestimmend sei. Sie habe den begründeten Verdacht, so sagte sie, daß die Mini- und Minissime-Mode von frauenfeindlichen Männern geschaffen sei: einzig und allein mit dem Ziel, das weibliche Geschlecht lächerlich zu machen.

Bravo, Mademoiselle! Es muß endlich einmal gesagt werden!

Wer zwingt die Frauen und die Mädchen, auch dann ultra-kurz berockt zu gehen, wenn Knie und Schenkel nicht halten, was die schlanken Beine versprechen? Es ist die Haute Couture! Und hier sind unter den hohen Couturiers offenbar einige, die sich für die Frau "als solche" nicht sonderlich interessieren, es sei denn mit brüderlicher oder schwesterlicher Anteilnahme. Ihnen ist es recht, wenn die Männer, die "richtigen", veranlaßt werden, anstatt auf Beine, in die Luft zu gucken, sobald sie leichte, beschwingte Schritte hören oder sich die Herannäherung einer Frau oder eines Fräuleins – um im Eisenbahndeutsch zu reden – auf andere Weise bemerkbar macht. ("Halt, wenn das Läutwerk der Lokomotive ertönt oder sich die Herannäherung des Zuges auf andere Weise bemerkbar macht!") Jetztwird, selbst Don Juan zum Guckin-die-Luft und läßt die Schranke herunter.

Seit Mademoiselle Chanel gesprochen hat, weiß Don Juan, daß nichts als Frauenfeindschaft bei der Erfindung des Minissime-Rockes Pate stand. Er macht Halt an der Grenze zwischen normal und anomal. Aber wir sollten in diesem Augenblick nicht nur von Don Juans Empfinden, sondern auch von den Gefühlen der Frauen und Mädchen sprechen,

Sicherlich trugen und tragen viele von ihnen sich nur deshalb minissime, weil sie nicht nachstehen wollen. Die Mode befahl; sie mußten gehorchen. Und es gehorchten auch jene, die nicht im Besitze schlanker Knie und Schenkel sind und daher den frauenfeindlichen Modegöttern getrost ins harte Auge sehen können. Im Gegensatz zu solchen Damen haben sie es schwer. Sie wollen aber, daß es "Mode", also Übereinkunft, gebe. Mit anderen Worten: Diese Damen sind kulturbewußt; deshalb opfern sie sich: oder wenigstens Teile ihrer selbst,

Es war einmal ein Kaiser, der im Glauben, er sei prächtig gekleidet, splitternackt herumlief: ein Idealist, der ein Opfer brachte. Er fror. Bis ein Kind rief: "Haha, der Kaiser hat keine Kleider an!" Da war es aus, vorbei.