Von Dietrich Strothmann

Erst recht, seit er Ministerpräsident des reichsten und bevölkerungsstärksten Bundeslandes, Nordrhein-Westfalen, geworden ist, weiß Heinz Kühn, wer er ist: ein Mann eben, dem das neue, hohe Amt außer der Bürde auch die Würde dazu gab. Er stellt, mehr denn je, etwas dar; er, der eingefuchste Parteipolitiker, hat an staatsmännischer Statur gewonnen. Er übt sich auf einmal in der galanten Gestik eines Souveräns, und sie gelingt ihm ohne Fehl.

Heinz Kühn ist, seit er zum Establishment der Regenten gehört, "gesellschaftsfähig" geworden. Ihn stört nicht länger die Ansammlung von "Orden und Fräcken". Er hat keinen Horror mehr vor nichtssagendem Geplätscher auf Cocktail-Partys. Er macht, wenn nötig, Avancen und paßt sich den unumgänglichen Gewohnheiten protokollarisch-perfekten Umgangs an. Heinz Kühn ist, schon zur Halbzeit seiner ersten hundert Tage als Regierungschef, ein anderer geworden. Sein Sarkasmus ist der Liebenswürdigkeit, seine Schroffheit landesväterlicher Gutmütigkeit gewichen. Ministerpräsidentschaft verpflichtet! Heinz Kuhn paßt sich an. Und das alles, ohne Schaden zu nehmen.

Kaum einer mochte es ihm zutrauen – nicht etwa, weil er aus dem "Arbeitermilieu" stammt, was er mit Nachdruck betont; sondern weil er aus anderem Holz geschnitzt ist: ein Intellektueller, der bislang für das Getriebe der "feinen Welt" eher Hohn und Spott übrig hatte, ein Außenseiter, dem Glanz und Glorie als Flitter erscheinen mochten, ein Individualist, der jede plump-vertrauliche Kameraderie ebenso verabscheute wie jedes steife Gehabe im Ziergarten gesellschaftlicher Veranstaltungen.

Mag Kühn von seiner ironischen Überlegenheit, von seiner Abneigung gegenüber gängigen Konventionen auch nicht ablassen – er kultiviert sie jedenfalls nicht mehr, er spielt sie nicht länger aus.

Wo sich der alte Heinz Kühn scheute, gefällig zu parlieren, gelingt es dem neuen Heinz Kühn, auch mit Honoratioren auf eine selbstverständliche Weise Konversation zu machen. So dauerte sein Antrittsbesuch beim Kölner Kardinal Frings, für den zehn Minuten vorgesehen waren, über eine Stunde. So wurde mit Aufmerksamkeit registriert, daß der greise Kirchenfürst zum ersten Male nach vielen Jahren wieder zum Neujahrsempfang der Düsseldorfer Regierung erschien.