Dr. Jules Piccus, Professor für Romanistik an der University of Massachusetts in Amherst, USA, begab sich vor rund zwei Jahren nach Madrid, um in der dortigen Nationalbibliothek seinen Studien über mittelalterliche Balladen nachzugehen. Eine Lücke im Katalog der Bibliothek, gleich über mehrere Nummern gehend, machte den ordnungsliebenden Amerikaner stutzig, und in der Hoffnung, das Land doch um ein paar unbekannte Balladen reicher verlassen zu können, bestellte er einfach einmal die betreffenden Nummern.

Was er daraufhin geliefert bekam, waren 700 beschriebene und teilweise mit Zeichnungen versehene Manuskriptseiten aus der Hand von Leonardo da Vinci.

Dieses jedenfalls bestätigte ihm Dr. Ladislao Reti von der Elmer Belt Library der University of California, der seinerseits an der Madrider Nationalbibliothek über Manuskripten von Juanelo Turriano, einem für die Geschichte der Technologie wichtigen Künstler, saß und der von der Existenz verlorengegangener Leonardo-Manuskripte wußte.

In New Yorks Statler Hilton Hotel wurde diese erstaunliche Entdeckung zweier reise- und forschungsfreudiger Amerikaner am 14. 2. der Weltöffentlichkeit verkündet.

Die Freude über diesen Fund wurde von einem Menschen allerdings nicht geteilt. Professor Miguel Baronau, der Direktor der Madrider Bibliothek, sprach verächtlich von Sensationslust. Es sei, so fand er, nachdem er von der Pressekonferenz im Statler Hilton gelesen hatte, durchaus nichts Neues entdeckt worden, sondern lediglich etwas falsch Weggestelltes wiedergefunden worden. Und lässig wies er auf einen Bibliotheks-Katalog aus dem Jahre 1866 hin, in dem die Leonardo-Bände aufgeführt sind.

Ohne sich für forscherstolze Sensationslust oder mit Grandezza bagatellisierte Schlamperei entscheiden zu müssen: um die Wichtigkeit dieser Entdeckung und Wiederentdeckung wird ernstlich niemand feilschen wollen. Bei den rund 5000 Manuskriptseiten, die die Forschung bisher als von Leonardo stammend anerkannt hat (und von denen Dr. Reti annimmt, daß sie nur ein Viertel des ursprünglich Vorhandenen darstellen), sind 700 zusätzliche Seiten keine quantité négligeable.

Leonardo der Wissenschaftler und Technologe ist es, der diese Seiten mit seiner zierlichen Spiegelschrift und mit minuziösen Zeichnungen seiner technischen Spielereien und Erfindungen gefüllt hat. Hebevorrichtungen, Details über Kettenantrieb, Kurbelwellen und andere Bewegungsmechanismen bestätigen Walter Paters Charakterisierung Leonardos als eines Menschen, "der einer Leidenschaft zum Unmöglichen verfallen war". Möglich, das heißt in die Realität umgesetzt, wurde ein Teil dieser technischen Träume erst Jahrhunderte später, als man Kräne, Fahrräder, Kurbelwellen baute.