Köln

Der Chronik des mehr als 500 Jahre alten, der humanistischen Tradition verpflichteten Dreikönigsgymnasiums zu Köln wurde in der vergangenen Woche eine Geschichte hinzugefügt, die Lehrer und Schüler weniger amüsierte als vielmehr kränkte.

Mit Datum vom 14. Februar erhielt der Direktor Gottfried Rick am Mittwoch der vergangenen Woche den Brief eines Dr. Adolf Klein aus Köln-Ehrenfeld: "Im Interesse Ihrer Schule muß ich Sie leider auf einen Mißstand aufmerksam machen, der hauptsächlich auf Ihre Obersekundaner zurückzuführen ist. Ein Teil derselben besucht fast täglich nach der Schule den St.-Tropez-Club auf dem Eigelstein und benimmt sich dort nicht gerade so, daß ein gutes Licht auf das Dreikönigs-Gymnasium fallen kann. Besonders donnerstags morgens (anscheinend bleiben sie dann der Schulmesse fern) geht es hoch her, denn dann kommen noch die Schülerinnen des benachbarten Ursulinen-Gymnasiums hinzu, und bei dröhnender Musik aus der Musikbox spielen sich manche unerquicklichen Szenen ab. Ebenso mittwochs ab 12.30 Uhr und auch freitags bis fast 14.30 Uhr..."

Der Direktor ließ den Brief von einem halben Dutzend Klassenlehrer abzeichnen und auch vom Religionslehrer. Handelte es sich um einen Fall von Unzucht? Dazu noch mit Ursulinen-Schülerinnen? "Mit denen spielt sich nichts ab", versicherte der Schulsprecher, Wolfgang Schmitz, seinen Lehrern.

Bei aller Anzüglichkeit teilte der Brief nur das mit, was jeder Schüler der beiden Gymnasien seit Jahren weiß und woran sich jeder "Ehemalige" nicht ohne Rührung gern erinnert: In der Gegend des Eigelsteins, kein feines, aber ein sehr volkstümliches Pflaster von Köln, treffen sich die Zöglinge der beiden katholischen höheren Anstalten. Hier riskieren die Ursulinen-Mädchen ein erstes Auge, und hier geben die Dreikönigs-Knaben ihr Taschengeld für Eis und Kaffee aus. Daß manchmal die Schulmesse geschwänzt wird, gehört mit zu den Mutproben, die auf dem Eigelstein abgelegt werden, nur die Lokale wechseln mit den Jahren. Was sollte der Brief also? Der Vertrauenslehrer der Dreikönigs-Schüler mußte zugeben, daß auch er als Oberprimaner manchmal mit Mädchen im Café gesessen hatte.

Daß der Direktor dem Brief dennoch Bedeutung beimaß, merkten die Schüler zwei Tage später: In an die Eltern adressierten, zugeklebten Briefen, die der Hausmeister im Laufe des Freitag vormittags in den Klassen verteilte, verschickte der Direktor den vervielfältigten Brief des Dr. A. Klein mit sechs begleitenden Zeilen: "Sicherlich wird das von Verantwortungsbewußtsein zeugende Schreiben des (mir unbekannten) Herrn... auch bei Ihnen Verständnis finden und Sorgen wecken..." Weil eine Oberprima den Brief geöffnet und gelesen hatte, ließ ihn der Direktor wieder einsammeln und neu zukleben.

Am gleichen Vormittag erschien aber auch ein Dr. A. Klein aus Köln-Ehrenfeld, der sich als Oberlandesgerichtsrat vorstellte, in der Schule. Direktor Rick hatte ihm geschrieben, er danke ihm herzlich und freue sich darüber, daß es noch Erwachsene gebe, die sich für die Jugend verantwortlich fühlten. Der Oberlandesgerichtsrat zeigte sich konsterniert: Er hatte bereits eine Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Urkundenfälschung gestellt, denn er – so erklärte Dr. Klein – habe diesen Brief niemals geschrieben. "Das primitive Schreiben und die mangelhafte Orthographie hätten die Vermutung nahelegen müssen, daß der Verfasser kein promovierter Akademiker ist", meinte er.