Aus der erregten Diskussion und den Erklärungen von Politikern und Wissenschaftlern zum Atomsperrvertrag wurde vielfach der Schluß gezogen, daß die Bundesrepublik bisher in der Erforschung und Nutzung der Kernenergie für friedliche Zwecke in der vordersten Reihe gestanden hätte. Das war keineswegs der Fall. Während Deutschland unter den Handelsnationen an zweiter und unter den Industrieländern an dritter Stelle steht, hinkt es bei der Erforschung der Kernenergie hinten nach.

In der Bundesrepublik sind zur Zeit neun Leistungsreaktoren im Bau oder schon in Betrieb. Hinzu kommt noch der Schiffsreaktor für das Forschungsschiff "Otto Hahn". Daneben gibt es vierundzwanzig reine Forschungsreaktoren, mit recht unterschiedlichem Leistungsvermögen.

Für die Forschungsreaktoren hat der Staat bisher ungefähr 200 Millionen Mark aufgewendet. Die Kosten der deutschen Elektroindustrie für ihre eigenen Kernforschungen werden auf das Drei- bis Vierfache geschätzt. Für die 24 Leistungsreaktoren zahlte die Energieversorgungswirtschaft ungefähr 1,1 Milliarden Mark. Der Staat gab Zuschüsse von insgesamt 370 Millionen Mark. Rund 100 Millionen Mark steuerte Bonn zu den Ausgaben von "Euratom" bei.

Diese Anstrengungen sind bescheiden im Vergleich zu den Leistungen anderer Industrieländer. Das läßt sich am besten durch einen Vergleich der bis 1970 geplanten Kapazitäten erkennen. In Frankreich, das heute über 12 Leistungsreaktoren verfügt, werden es dann 2600 Megawatt sein. Großbritannien hat zur Zeit 17 Leistungsreaktoren in Betrieb und will die Leistung bis 1970 auf 7300 Megawatt erhöhen. Die Briten haben bisher schon etwa 10 bis 12 Milliarden Mark allein in die zivile Kernforschung investiert. In den USA arbeiten augenblicklich 42 Leistungsreaktoren. In vier Jahren werden dort insgesamt 31 000 Megawatt installiert sein.

Die Bundesregierung wird nach den vorliegenden Plänen bis 1970 eine Kernreaktorleistung von insgesamt 984 Megawatt erreichen. Das ist kaum mehr als in dem Entwicklungsland Indien, das die Installation von 780 Megawatt plant. ks.