Die Schule – zu schade zum Lesenlernen

Sibylle Krautfuß kann es nicht erwarten. Seit sie weiß, daß heute der "Sprachkasten" wieder kommt, liegt sie der Mutter in den Ohren. Sie liebt ihn, den Kasten, mehr noch als ihre Lieblingspuppe.

Sibylle hastet den Schulhügel hinauf. Oben am Zaun wartet schon Volker Glück. Er ist vier Jahre alt; Sibylle ist ein wenig jünger. Auch er wartet auf den Kasten. "Wenn sich das Gießener Leselernprogramm anmeldet und die Kinder erfahren es, gibt es für sie kein Halten mehr. Die Lernmaschine fasziniert sie in einer Weise, wie ich es nie für möglich gehalten hätte", kommentiert Lehrer Glück von Annerod, Volkers Vater, die Aufregung der Kinder.

Was geht vor in Annerod, einem Dörfchen zwischen Gießen und der Autobahn? Professor Dr. Werner Correll, Direktor des neuen Instituts für Programmiertes Lernen an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, 38 Jahre alt, ist einer der unermüdlichen Streiter für die geistige Aktivierung, der Vier- bis Sechsjährigen. Er weiß sich eins mit Professor Dr. Heinz-Rolf Lückert, dem Leiter des Institutes für Jugendforschung der Münchener Universität, der kürzlich sagte: "Wir werden vor der Lösung der Fragen unserer immer schwieriger werdenden Welt kapitulieren müssen, wenn es uns nicht gelingt, die vorhandenen Begabungsreserven zu mobilisieren. Wir können es uns daher einfach nicht mehr leisten, unsere Kinder im vorschulischen Alter geistig vergammeln zu lassen." Professor Correll: "Wir müssen mehr Menschen in kürzerer Zeit mehr verfügbares Wissen vermitteln."

Früher Wissensdrang

Die umstrittene Verlängerung der Schulzeit nach oben und Versuche, verbesserte Lehrmethoden herauszufinden, sind zwei Möglichkeiten, diesem Ziel näherzukommen. Die jüngsten Erkenntnisse der pädagogischen Psychologie jedoch erschließen einen weiteren, ja wahrscheinlich den sichersten und aussichtsreichsten Weg zur Bewältigung von Problemen in unserer Welt. Forschungen bewiesen eindeutig: Vor dem sechsten Lebensjahr lernen Kinder mehr und leichter als danach. Das Gehirnwachstum ist mit dem fünften Jahr zu 80 Prozent beendet und die Aufnahmefähigkeit des menschlichen Gehirnes biologisch und psychologisch nachweisbar in den ersten fünf Lebensjahren am größten.

Das sind Tatsachen, die sich jedem Elternpaar durch die ewige Fragerei ihrer Sprößlinge dokumentieren. In den Jahren vor der Schule ist der Wille zum Lernen, zum Erkunden und Untersuchen spontan und die Gier danach kaum zu bremsen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind aber Eltern heute kaum in der Lage, dem Wissenwollen ihrer Kinder geduldig das Ohr zu leihen, geschweige denn, sich mit ihnen intensiv zu befassen. Die Bewältigung des Täglichen beansprucht zu sehr alle ihre Kräfte. Man ist froh, wenn man ein Spielzeug für das Kind findet und damit zugleich selbst von Verpflichtungen frei ist.