Hamburg

In acht Monaten, im Oktober, wird das "Erotic-Center" auf St. Pauli eröffnet. Den Namen hat sich der Bauherr Wilhelm Bartels rechtzeitig schützen lassen, er war ihm beim Spaziergang in einem Elbpark eingefallen. 153 Appartements stehen dann zur Verfügung, die an neun Mitglieder des "Vereins gewerblicher Zimmervermieter e. V." gegen einen Baukostenzuschuß von 5000 Mark je Appartement abgegeben werden. Alle Mieter besitzen Fachkenntnisse, die sie sich zum größten Teil bereits vor dem Krieg erwarben. Eigentlich bekommen nur Ehepaare eine Konzession, aber einige Damen und Herren sind inzwischen angeblich verwitwet.

Die Vermittlung der Appartements übernahm Margarete T., die Mieterin eines Bartels-Hotels, das zusammen mit dem danebenliegenden Hotel später in das "Erotic-Center" einbezogen werden soll. Danach erhöht sich die Zahl der Appartements auf 200. Ein viergeschossiger Block umrahmt den sogenannten "Kontakt-Hof", wo die Herren sich die Damen aussuchen können.

Ein Mieter hat gleich 24 Appartements genommen, der bescheidenste begnügte sich mit zwölf. Die neun Mieter zahlen für jedes Appartement 12 Mark pro Tag, nach fünf Jahren werden die Mietverträge überprüft, sie können auf weitere fünf Jahre verlängert werden. Die Mädchen müssen jeden Tag 25 Mark bezahlen. Der Bauherr sorgt für Duschbad und Bidet in schwarzen Kacheln, die Wandkacheln sind in Manschu-Gelb gehalten, einen Schrank liefert er ebenfalls. Ein Friseursalon wird in drei Schichten tätig sein. An Stelle der Wirtschafterinnen, die bisher überall den kasernierten Frauen zur Seite standen, sollen hier Männer die Betreuung übernehmen. Auf diese Weise verspricht sich die Polizei eine Verminderung ihrer Aktionen bei Streitigkeiten. Die Wirtschafterinnen rufen nämlich immer sofort die Davidswache an. Da Männer, die das Gewerbe kennen, häufig dazu neigen, sich mit den Mädchen abzugeben, hat Wilhelm Bartels erwogen, Herren zu gewinnen, die sich auf Grund ihrer Veranlagung mühelos in die weibliche Psyche einzufühlen vermögen.

Ein besseres Baugelände als Wilhelm Bartels Hinterhof ließ sich nicht auftreiben; ein Hochhaus als Liebesturm wäre aus städtebaulichen Gründen allerdings den zuständigen Behörden lieber gewesen. In jedem Haus des geschlossenen Gevierts verkehren Fahrstühle. Die Freier sollen möglichst schnell ans Ziel gelangen. Die Fenster zum Kontakt-Hof und zur Straße sind aus Mattglas. Ob nun helles oder rotes Licht den Kontakt-Hof beleuchten soll, darüber müssen sich die Mieter einigen.

Bauherr Wilhelm Bartels verfügt über gute Beziehungen. Seinem Vater gehörte die Jungmühle auf der Großen Freiheit. Dort räumte Wilhelm 1947 selbst den Schutt weg und veranstaltete Marathon-Tänze, stellte Hungerkünstler in Käfigen vor, ließ Damen im Schlamm ringen, war Promoter von internationalen Catcher-Wettkämpfen und erwarb nebenher ein Grundstück nach dem anderen. Heute gehört ihm nahezu die gesamte Große Freiheit. Er leugnet nicht, daß es ihm auf St. Pauli am besten gefällt, den St. Paulianern gefällt er auch. Wilhelm übt Nachsicht und hat stets neue Ideen. Im letzten Augenblick fiel ihm ein, daß die Mädchen ja Autos haben, und er läßt unter dem Kontakt-Hof eine Tiefgarage mit 68 Abstellplätzen bauen.

Nicht alle wollen ins "Erotic-Center" ziehen. Lucie aus Bautzen beispielsweise: "Solange ich in der Kastanienallee stehen kann, verdiene ich am Tag durchschnittlich 300 Mark. Im "Erotic-Center" wird es vielleicht mehr sein, aber der Hof macht müde, ich brauche einen freien Blick, mindestens von einer Straßenecke bis zur anderen..." Ben Witter