An drei Nachmittagen dieser Woche, ganztätig am Samstag und am Sonntagvormittag noch dazu, bietet Professor Dr. Gotthard Schettler, Dekan der medizinischen Fakultät, allen Heidelberger Ärzten eine ungewöhnliche Schau: Ein exklusives Fernseh-Fortbildungs-Nonstopprogramm von A bis Z – vom Allergie-Test bis zur Zervixkarzinom-Früherkennung. Die Live-Übertragungen aus sämtlichen Universitätskliniken von der Augen- bis zur Zahnklinik ins Heidelberger Schloß wechseln in bunter Folge: Schiel- und Kieferoperationen, neuzeitliche Narkoseverfahren, Einsetzen einer künstlichen Herzklappe, moderne Verbände, Behandlung von Sprachstörungen, gastroskopische Untersuchungsmethoden und vieles andere mehr – insgesamt 80 klinische Darbietungen moderner Diagnose und Therapie in Farbe und auf Kinoleinwandformat dank einer neuartigen und brillanten Bildübertragungs- und Projektionstechnik: "Eidophor".

Das originelle Bemühen des Heidelberger Dekans, seine benachbarte Ärzteschaft aktuell und intensiv fortzubilden, ist beispielhaft – treibt es doch alte und junge Doktoren aus Praxis und Klinik schon aus Neugier zur medizinischen Sondervorführung. Hier können sie chirurgische Manipulationen neben pathologischen Prozessen in Großaufnahmen so betrachten, wie sie ansonsten nicht sichtbar werden.

Theoretisch ist jeder Arzt zur regelmäßigen Fortbildung verpflichtet – praktisch versäumt er sie nur allzuoft, wenngleich ein stattliches Bündel Literatur und zahllose Kongreß-Einladungen den tätigen Mediziner Tag für Tag zur Weiterbildung ermuntern. Es heißt, kaum jeder vierte besuche einmal im Jahr einen Kongreß,

Einige Gründe solcher Enthaltsamkeit: Zeit- und Vertretermangel, Bequemlichkeit oder Enttäuschung. Der Praktiker kommt den Professoren-Referenten gegenüber nicht zu Wort – Mammutkongresse mit allzu spezifischer und gedrängter Unterweisung lassen Besucherdiskussionen nicht zu. Hier spüren die Fortbildungspilger krasser als sonst den Graben zwischen Klinik und Praxis. Hier verdrängt oft hochgespielte Emsigkeit im Nebenfach die unerledigte Medizin.

Siebzig von hundert Ärzten überfliegen bestenfalls ihr medizinisches Fortbildungs-Schrifttum nur. Der Arzt fühlt sich im Dickicht des angebotenen Lesegutes überfordert; er kann die medizinische Spreu vom Weizen nicht mehr trennen.

Von 4669 Ärztezeitschriften aus aller Welt werden in Deutschland mehr als 200 gedruckt. Fortbildungsschallplatten, Tonbandzeitungen, wissenschaftliche Jahrbücher, Kalender, pharmazeutische und Naturheilblätter kommen hinzu, außerdem noch eine Legion von Hauszeitungen und Broschüren, Sonderdrucke und Informationsdienste, Briefe, und bunt bedruckte Karten von mehreren hundert Arzneimittelfirmen. Dies alles verfertigen Ärzte, die Zeit haben, für andere Ärzte, die zum Lesen keine Zeit haben. Die herkömmlichen Informationskanäle sind verstopft; ergo muß man nach neuen suchen. Professor Schettlers Eidophor-Demonstrationen stellen einen gewiß vielversprechenden Vorstoß in diese Richtung dar.

Ein neuer Informationskanal ist das allgemeine Fernsehen. Kann man es in den Dienst der ärztlichen Fortbildung stellen? In einigen Ländern wird dies längst erfolgreich praktiziert, in Amerika zum Beispiel seit 1952, in England seit 1963 und in Frankreich seit 1964. Die Erfahrungen mit Sondersendungen für Ärzte sind gut. In England schalten 80 Prozent aller Doktoren auf Bildschirm-Medizin, 21 Prozent sehen und diskutieren die Sendungen im Kollegenkreis. Ein Drittel der Ärztezuschauer liest kaum Fachzeitschriften und die Hälfte hat zwei Jahre und länger keinen Kongreß besucht. Nur acht Prozent melden Bedenken gegen telemedizinische Kollegs an, 91 Prozent rühmen sie und sind damit zufrieden.