Politisch könnte man die Leute des Living Theatre leicht als "seltsame Sektierer" abtun. Und Marx Bewanderte oder Freud Besessene hätten es gewiß nicht schwer, die Argumente der Wortführer des Living Theatre höhnisch in der Luft zu zerfetzen. Wer am Schluß der drei Ltvmg Theatre Abende, die der Kongreß für die Freiheit der Kultur zusammen mit dem AStA im "Auditorium Maximum der Hamburger Universität veranstaltet hatte, den hitzigen Wortexplosionen lauschte, mit denen die Schauspieler zu später Nachtstunde ihre Arbeit begründeten, rechtfertigten, verteidigten, der wird auch weniger von den Argumenten hingerissen worden sein, mehr on der Tatsache, daß hier Leute mit ihrer Arbeit, mit ihrem Leben ganz hinter diesen Worten standen, daß sie nicht Thesen zu behaupten suchten, sondern ihre eigenbrötlerische Form des protestierenden Lebens, die mit leuchtendem Auge und lauter Stimme immer wieder zu versichern sucht: "Wir sind Utopia " Während die mitternächtliche Diskussion in Hamburg stattfand, Studenten und Theaterleute einander Überzeugungen zubrüllten, wurde die Bühne von der "Brig" Dekoration befreit. Hammerschläge, Stangengeklirr unterbrachen die erregten Debatten, ein Farbiger, der auf einer Leiter abbaute, mischte sich auf einmal kräftig ins Gespräch, David, ein rund vierjähriges Truppenmitglied, kroch durch die Debattanten — kurz: ein Gespräch über das Living Theatre verwandelte sich ganz zwanglos und notwendig zur Livmg Theatre Szenerie.

Besser wäre nicht zu demonstrieren gewesen, wie "total" das Theater hier ist, wie wenig man noch zwischen Schauspielern unterscheiden kann, die auf der Bühne stehen, und solchen, die sich für das Privatleben abgeschminkt haben: Dergleichen "Zerfall" in Leben und Werk existiert für die Truppe nicht, die mit hohläugiger Begeisterung ständigen Raubbau an ihren Kräften treibt, nächtens einreißt, was sie morgens errichtet und an langen Abenden bespielt.

Das Living Theatre ist, so gesehen, ein ständig geschlossener Stromkreis aus Protest und Begeisterung, aus zum Spiel gesteigertem Leben und zum Leben verwandeltem Spiel. Schon daraus resultiert ein widerspruchsvolles Verhältnis zum Publikum, das erweckt werden soll und verachtet wird, dessen Protest und Unmut man in Bewegung setzen möchte und das man gleichzeitig mit Eingemeindungsversuchen in die Arme zu schließen trachtet.

Als das Living Theatre vor rund einem Jahr den "Frankenstein" zum erstenmal in Berlin vorstellte, sah der letzte, der dritte Akt noch völlig anders aus. Henning Rischbieter berichtete in "Theater heute" wie folgt darüber: Die Kämpfenden werden überwältigt, in Netze gefesselt, schwebend vor dem Gerüst gehen sie in sich, bekennen sich schuldig. Der Sarg, dei sie aufnehmen sollte, bleibt leer. No! — Protestschrei gegen Tötung und Gewalt. Langsam gsgen die Rampe vordringend, spricht die Truppe ihr Bekenntnis zur Liebe (Text vom Schluß der Äschyleiscken Orestie), Paare sinken übereinander, Männer liebkosen sich. Die Gesetze verbieten uns, weiterzugeben, sagt die LautsprecherStimme. Vorhang " So also sah das Paradies in der Darstellung des Living Theatre aus, auch hier bereits an der Einsicht gebrochen, daß man es notfalls im kleinen Kreis leben, aber schwerlich, auf Grund der Gesetze, vor einem öffentlichen Publikum ganz spielen könne. Aber noch von diesem liebesvollen, liebestollen Utopia, gesetzeseingeschränkt, ist die Truppe in ihrer neuen Frankenstein Version abgeschwenkt. An die Stelle der Freiheit ist eine bittere Einsicht in die Notwendigkeit getreten. Das Parkett wird jetzt, völlig verdunkelt, mit Taschenlampen auf Schuldige abgesucht, diese werden auf die Bühne gezerrt, sie kreischen, wehren sich, werden in einem bürokratischen Akt registriert; Finger, Handabdrücke; der grelle Fotoblitz fürs Verbrecher Album; sie werden in Zellen gebracht, die sich in öder Monotonie mit den Wracks der Gewalt füllen.

Unterbrochen wird dieser Einweisungsakt von etwas, was das Programmheft zynisch "Weltdarstellung" nennt. Die Gefangenen kreischen auf, schlagen irr um sich, Hysterie bricht in den Zellen aus, ein schäumender Fluchtwille drängt sich an die Gitterstäbe. Ein apokalyptischer Schluß, in dem alles in Flammen aufgeht, eine wilde Weltuntergangsvision: Aus Menschenleibern wächst ein riefiges Gebilde. Leviatfaan, die Kollektivgeburt des Menschen; lakonisch vermerkt das Programmheft dazu: "The Creature counts", der Mensch zählt. Liegt zwischen der Berliner und der jetzigen Schlußversion des "Frankenstein" die Einsicht zumindest in die Undarstellbarkeit der Utopie? Begnügt sich das Living Theatre jetzt mit der wilden Darstellung des Gefängnisses Welt, die es auch da sucht, wo es sich keine hauseigenen Stücke verordnet, sondern etwa Genets "Zofen"? Auch hier ist, wenn auch weit weniger geglückt, die Pervertierung ein Gefängnis, Ausdruck eines sadistisch besetzten Herr Knecht Verhältnisses, das im Ritual die zerstörte Natur böse feiern muß.

Das Living Theatre hat für diesen Weltzustand ebenso einfache wie bös eindringliche Formen und Formeln entwickelt. Es hat die Sprache zum Geschrei, zum Stöhnen und Kreischen zerstört, es läßt zur Verständigung nur noch einen albern bestialischen Befehls Sing Sang übrig, der die Truppe in pantomimisch fesselnde, überzogene Marschbewegungen versetzt.

Am Anfang herrscht Versenkung, herrscht Stille. Die Meditations übungen zu Beginn des "Frankenstein" oder zu Anfang der "Mysteries" zerren an den Nerven der Zuschauer. Scheinbar unbeeindruckt von der Unruhe, dem Gelächter im Zuschauerraum, versenkt sich die Truppe, vertieft sich einer — es wäre leicht, von orientalischem Brimborium zu sprechen, wäre da nicht zweierlei: Einmal die sichtbare, offensichtliche Beunruhi gung und Verstörung des Publikums, mit der das Living Theatre, fast ein wenig stolz, rechnet und renommiert. Wie ein Waffenstudent auf seine Schmisse, so weist das Programmheft auf die Skandale hin, die das Living Theatre mit seinen Exerzitien hervorgerufen, provoziert hat. Da prügelte man sich, dort mußte die Polizei eingreifen. Und was man dagegen auch sagen will: das ttving Theatre bewirkt auf vielewi Weise die Unruhe, die das übrige Theater (kursorisch gesagt) nur verspricht.