Bochum

Bibelfest stand Professor Dr. Kurt H. Biedenkopf, künftiger Rektor der Bochumer Ruhr-Universität, seinen Mann gegen die weltliche Schar protestierender Kommilitonen: "Ich weiß, daß ich Ihnen Steine statt Brot gegeben habe." Doch nicht Brot, sondern Raum in der Herberge des staatlichen Studentenheimes Laerholzstraße verweigert der Professor.

Steine des Anstoßes waren Räumungsbescheide, die 46 Studenten und neun Assistenten am 4. Februar ohne vorherige Ankündigung in ihren Briefkästen fanden. "Im Turm II B sollen vom 1. April 1967 an Studenten der katholischen Theologie untergebracht werden, die durch die zwingende Regelung ihres Studienganges gehalten sind, in einer geschlossenen Gemeinschaft zu wohnen", verkündete Biedenkopf als Vorsitzender des Akademischen Förderungswerkes den überraschten Mietern. Der Mietvertrag könne nicht verlängert werden, Unterbringung in anderen Heimen sei aber "gewährleistet". Dem katholischen Konvikt sollen die nichttheologischen Individuen weichen, obwohl viele von ihnen Examenskandidaten sind und zum Umzugstermin wenige Tage vor den Klausuren stehen.

Doch geht es weniger um die Härtefälle. Stil und Bereitwilligkeit des privatrechtlichen Förderungswerkes, für das Bistum Essen den Quartiermeister in einem staatlichen Heim zu machen, läßt Studenten und mehrere Professoren (auch katholische) vielmehr um den blauen Himmel konfessioneller Unabhängigkeit über der jungen Ruhr-Universität tat fürchten. Das Gerücht von Bochums schwarzer Alma Mater macht wieder die Runde.

Die "Lebensgemeinschaft ohne Weihrauch" – so Professor Biedenkopf über das Konvikt – ist in der Tat eine wundersame Schöpfung aus dem Nichts. In den allerersten Plänen für die Ruhr-Universität gar nicht vorgesehen, gleicht die katholisch-theologische Fakultät noch heute dem Rufer in der Wüste: Elf Ordinarien stehen in diesem Semester 39 ordentliche Studierenden gegenüber, zehn Prozent aller Lehrstühle für kaum mehr als ein Prozent der Studenten. Die Bauplanung für ein Konvikt (zuständig dafür ist unter anderem das Bistum Essen) ist nicht rechtzeitig abgeschlossen worden, so daß für die Priesteramtskandidaten frühestens im Sommer 1969 ein Gebäude zur Verfügung steht. Da das Essener Bistum aber selbst in dieser Übergangszeit für die Anerkennung der Studierenden als Voll-Theologen das Konviktleben zur Voraussetzung macht, liegt Bochum brach. Essens Bischof D. Hengsbach hatte sich bereits "in tiefster Seele" – so der Dekan der theologischen Fakultät, Professor Teichtweier – damit abgefunden, die volle Ausbildung von Theologiestudenten in Bochum bis zum Sommer 1969 zu verschieben. Da sahen sich Dekan Teichtweier ("Ich persönlich habe die Initiative ergriffen") und die Universität offenbar zur Amtshilfe genötigt – die Existenz der Fakultät habe schließlich auf dem Spiele gestanden. Damit ein Troß von 50 Voll-Theologen (25 aus Innsbruck) bis zum Sommer 1969 im Klein-Konvikt die Stellung halten kann, requirierte das Akademische Förderungswerk den staatlichen Turm II B. Der Posten ist klein, doch nicht abgeschieden: den Nachbarturm II A halten Damen besetzt.

Zuvor hatten die Konvikt-Stifter freilich bei einem der beiden katholischen Studentenheime Bochums angeklopft – vergeblich. Haus "Michael" ließ durch seinen Heimleiter, Franziskanerpater Richter, ein Rechtsgutachten vorweisen: Das Heim ist zu 80 Prozent aus Mitteln des Bundesjugendplanes finanziert. Das verpflichtet die Heimleitung dazu, erstens kein Gemeinschaftsleben in getrennten Gruppen zu dulden und zweitens öffentliche Belange weiterhin zu wahren. Während die 80-Prozent-Hürde des Bundesjugendplanes zu hoch war, gebot die hundertprozentige Finanzierung des staatlichen Studentenheimes durch das Land in den Augen des treuhänderischen Förderungswerkes schließlich keinen Einhalt. Professor Biedenkopf im Umzugsbescheid und auf der Protestversammlung der Heimbewohner: "In Zusammenwirken mit der Universität und dem Bistum Essen" habe das Förderungswerk "sämtliche nur denkbaren Möglichkeiten erwogen. Alle Ersatzvorschläge haben sich jedoch als unbrauchbar erwiesen."

Aus der 300köpfigen Schar der protestierenden Heimbewohner meldete sich ein Kommilitone zu Wort: Die Studentenschaft habe an diesem Nachmittag im rund sieben Kilometer entfernten Witten ein Heim mit 55 Wohnplätzen und entsprechenden Gemeinschaftsräumen entdeckt. Professor Biedenkopf versprach eingehende Prüfung.