Von R. R. Beer

Wolf gang Hofmann: Städtetag und Verfassungsordnung – Position und Politik der Hauptgeschäftsführer eines kommunalen Spitzenverbandes. Schriftenreihe des Vereins für Kommunalwissenschaften, Band 13. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 193 Seiten, 22 DM.

Der tüchtige, aber im persönlichen Umgang nicht immer angenehme frühere Ministerialdirektor im preußischen Innenministerium Dr. Oskar Mulert" (wie ein Hamburger Staatsrat seine Gefühle mit hanseatischer Zurückhaltung formulierte) steht im Mittelpunkt der Untersuchung von Wolfgang Hofmann.

Der tüchtige, aber unangenehme Mann war seit 1926 "Hauptamtlicher Erster Stellvertretender Vorsitzender des Deutschen und Preußischen Städtetages mit der Amtsbezeichnung Präsident" – die umständliche Formulierung zeigt, in welcher Verlegenheit sich die Oberbürgermeister befanden, für den Verband ihrer Städte endlich wieder einen adäquaten Geschäftsführer zu finden; die Nachfolger des längst weit höher gestiegenen Dr. Hans Luther hatten solche Erwartungen offensichtlich nicht erfüllt. So mußte es also etwas kosten, und nicht nur ein hohes Gehalt.

Zum Berufsbilde eines Mannes, der es unternimmt, irgendein – ideelles oder materielles – Interesse zu vertreten, gehört die Bereitschaft, sich unbeliebt zu machen. Daran hat es Mulert weder nach außen noch nach innen fehlen lassen. Der Pfarrersohn aus Canditten in Ostpreußen war hochintelligent, er war auch hochgebildet (nicht, nur juristischer, sondern auch philosophischer Doktor, Kunstkenner und Kunstsammler), er war durch Heirat mindestens wohlhabend, er war fleißig und robust in der Ausnutzung des Fleißes anderer – und er war sich seiner Qualitäten bewußt. Dazu gesellschaftlich ehrgeizig, "im Städtehaus und auf dem Tenniscourt stets der Präsident des Deutschen Städtetages, paßte ihm der Maßanzug, den er sich hier schneidern konnte, besser als der Rock des preußischen Beamten alten Stils.

Er formte frühzeitig zu seinem Teile das Bild eines modernen Verbandsmanagers, eines Fachpolitikers, wie ihn Max Weber gezeichnet hat. Dazu gehörte auch das Gefühl der Erhabenheit über den Laien – man sieht eine so autoritäre Gestalt (loyalen, wenn auch kaum enthusiastischen Republikaner) nicht ohne ein Gefühl leiser Ironie an einer Schaltstelle demokratischer Selbstverwaltung. Mulert hat dem Städtetag als dem ältesten der kommunalen Spitzenverbände in Deutschland eigentlich erst Profil und Autorität in der Öffentlichkeit verschafft.

So ergibt sich mit dieser Studie auch ein Beitrag zur Geschichte und Soziologie des Verbandswesens, freilich mit einer besonderen Nuance: Die "gemeinsamen Interessen der Städte", großer und kleiner, reicher und armer, mit in sich sehr gemischten Bevölkerungen, sind noch wesentlich schwieriger auf einen Nenner zu bringen als etwa die eines bestimmten Industriezweiges; außerdem fühlen sich die Gemeinden als "öffentliche Gebietskörperschaften" nicht weniger auf die hoheitliche Seite des Staates verwiesen als auf die gesellschaftliche des Verbandswesens. Gerade dieser inneren Spannungen wegen dürfte die Schrift auch den Soziologen interessieren.

Mulert hat nur knapp sieben Jahre lang den Städtetag geleitet, zu kurz für große Erfolge in einer insgesamt so schwierigen Zeit. Aber seine Zielsetzungen und Methoden wurden für seine Nachfolger aktuell, als es nach 1945 wieder freie kommunale Spitzenverbände geben konnte. Zumindest mit der Änderung des Grundgesetzes zugunsten der Gemeinden haben sie 1956 sogar etwas Konkretes auf dem Gebiet der Verfassungsordnung erreicht, dem das besondere Interesse der vorliegenden Untersuchung gilt.