Das wenige Gute, das Gropius über Hannes Meyer zu sagen weiß, entpuppt sich als hintersinnig. Wenn Gropius schreibt: Während der ersten Periode seiner Arbeit am Bauhaus habe ich nicht an seinen Qualifikationen gezweifelt. Mir gefiel seine Arbeit für die Gewerkschaftsschule in Bernau, die er mit dem stillen, begabten Wittwer gemacht hatte“ – so sind darin gleich zwei Fehler enthalten, die nur allzu gut in sein Konzept passen.

Meyer hat die Bernauer Schule nicht während der ersten Periode, also während seiner Tätigkeit als Dozent, gemacht, sondern erst, als er bereits Direktor war. Sie konnte nicht zu seiner Berufung beitragen, weil er schon Direktor war, die „Maske“ schon fallengelassen hatte. Außerdem hat er die Schule nicht mit Wittwer zusammen gemacht, er war allein begabt genug.

Mit Hans Wittwer zusammen hat er zwei Arbeiten gemacht, die beide Entwurf blieben: die Petersschule in Basel und den Völkerbundspalast. Hans Wittwer, ebenfalls Schweizer, ist einer der unbekannten guten Architekten – ihnen sollte ein Denkmal gesetzt werden. Wittwer hat Anfang der dreißiger Jahre auf dem Flugplatz in Halle so etwas wie ein Klubhaus gebaut, das sehr schön sein soll. Er bekam dann keine Aufträge mehr, ging zurück in die Schweiz, wo er sein Leben als Milchmann fristete – er übernahm das Milchgeschäft seiner Schwiegereltern. Irgendwann während des Krieges ist er gestorben. Die Betonung Wittwers an der falschen Stelle hat eine Parallele bei Giedion. Die einzige Erwähnung Hannes Meyers in „Raum, Zeit, Architektur“ lautet „Wittwer und Hannes Meyer“ (Völkerbundspalast).

Hannes Meyer hatte keinen Hehl daraus gemacht, daß er ein anderes Bauhaus wollte als das von Gropius. Trotzdem äußert er sich über seinen Vorgänger und dessen Leistung immer objektiv. Für den Leser des Buches kommt Gropius’ Ausfall ganz überraschend.

In der mexikanischen Zeitschrift Edificacion schrieb Hannes Meyer noch 1940 über die erste Periode des Bauhauses unter anderem: „Das Baubaus war ein ausgesprochenes Kind der deutschen Republik, mit der es das Geburts- und Todesjahr teilte, aber ebenso ausgesprochen war es von Anbeginn ein europäisches, ja internationales Bildungszentrum. 1919 im Wirrsal der Nachkriegszeit von dem Architekten Walter Gropius gegründet zu Weimar, war es in seiner Urform ein typischer Zeuge des damaligen gefühlsbetonten Expressionismus. Denn obwohl es von Anbeginn als ein Ausbildungszentrum für viele Zweige polytechnischer Betätigung bestimmt war, wirkten in seinem Lehrkörper neben zwei Architekten sieben abstrakte Künstler, und darunter Kapazitäten von späterem Weltruf, wie der Amerikaner Lyonel Feininger, der Russe W. Kandinsky, der Deutsche Paul Klee. Der exakte Wissenschaftler fehlte völlig. Unter den Studierenden überwogen Anhänger jeder Art von ‚Lebensreform‘. Lehrer und Studierende wohnten im gemeinsamen Gebäude; man hatte wenig Geld und viel gemeinsame Sorgen. Diese schufen die damals sehr ausgesprochen soziale Einheit des Bauhauses, in der es kaum Standesunterschiede gab. Die gegensätzlichsten Weltanschauungen schlossen unter seinem Dach Brüderschaft als eine Kathedrale des Sozialismus‘.“

Dies scheint mir eine wohlwollend-objektive Darstellung zu sein, fast mehr wohlwollend als objektiv.

Der Brief, den Hannes Meyer anläßlich seines Hinauswurfs aus dem Bauhaus an den Dessauer Oberbürgermeister Hesse schrieb, war begreiflicherweise schärfer: „Was fand ich bei meiner, Berufung vor? Ein Bauhaus, dessen Leistungsfähigkeit von seinem Ruf um das Mehrfache ibertroffen wurde und mit dem eine beispiellose Reklame getrieben wurde. Eine ‚Hochschule für Gestaltung, in welcher aus jedem Teeglas im problematisch-konstruktives Gebilde gemacht wurde. Eine ‚Kathedrale des Sozialismus‘, in weicher ein mittelalterlicher Kult getrieben wurde mit Revolutionären der Vorkriegskunst unter Assistenz einer Jugend, die nach links schielte Man bewohnte die gefärbten Plastiken der Häuser. Auf deren Fußböden lagen als Teppiche die seelischen Komplexe junger Mädchen. Überall erdrosselte die Kunst das Leben. So entstand meine tragikomische Situation: Als Bauhausleiter bekämpfte ich den Bauhausstil