Als sein Ziel nannte der junge Mann: Das Leben damit hinzubringen, über das Leben nachzudenken. Dabei verschwieg er nicht, daß das Ergebnis seines Nachdenkens für ihn bereits feststand. "Das Leben ist eine mißliche Sache", sagte er.

Weil er von seiner pessimistischen Anschauung zutiefst durchdrungen war, scheint ein Zusammenleben mit ihm zumindest schwierig gewesen zu sein. Der Mutter war es geradezu unmöglich. Sie schrieb ihm:

"Ich habe Dir immer gesagt, es wäre sehr schwer mit Dir zu leben, und je näher ich Dich betrachte, desto mehr scheint diese Schwierigkeit, für mich wenigstens, zuzunehmen ... Ich verkenne Dein Gutes nicht, auch liegt das, was nich von Dir zurückscheucht, nicht in Deinem Gemüt, nicht in Deinem Innern, aber in Deinem äußern Wesen, Deinen Ansichten, Deinen Urteilen, Deinen Gewohnheiten – kurz, ich kann mit Dir in nichts, was die Außenwelt angeht, übereinstimmen. Auch Dein Mißmut ist mir drückend und verstimmt meinen heitern Humor, ohne daß es Dir etwas hilft. Sieh ... Du bist nur auf Tage bei mir zum Besuch gewesen, und jedesmal gab es heftige Szenen um nichts und wieder nichts, und jedesmal atmete ich erst frei, wenn du weg warst, weil Deine Gegenwart, Deine Klagen über unvermeidliche Dinge, Deine finstern Gesichter, Deine bizarren Urteile, die wie Orakelsprüche von Dir ausgesprochen werden, ohne daß man etwas dagegen einwenden dürfte, mich drückten – An meinen Gesellschaftstagen kannst Du abends bei mir essen, wenn Du Dich dabei des leidigen Disputierens, das mich auch verdrießlich macht, wie auch alles Lamentierens über die dumme Welt und das menschliche Elend enthalten willst, weil mir das immer eine schlechte Nacht und üble Träume macht und ich gern gut schlafe."

In einem Punkt hätte sie aber besser getan, doch auf ihn zu hören; er betraf das nachgelassene väterliche Vermögen, das die Mutter ohne Sicherheiten einem großen und angesehenen Handelsunternehmen anvertraut hatte. Sein Mißtrauen gegen alle Menschen hatte ihn veranlaßt, einen erheblichen Teil seines Erbes anders anzulegen. Das war sein Glück. Als jenes Handelshaus bankrott machte, verloren seine Mutter und seine Schwester ihr gesamtes Vermögen. Er hingegen hatte soviel gerettet, daß er, der sich zu einer Erwerbstätigkeit gänzlich unfähig fühlte, auch weiterhin nicht darauf angewiesen war, Geld zu verdienen. Durch große Sparsamkeit gelang es ihm sogar (er hatte immer nur für sich selber zu sorgen), sein restliches Vermögen noch zu vergrößern, indem er jeweils nur einen Teil der Zinsen verbrauchte.

Nie verließ ihn die Furcht, er könne erneut betrogen oder bestohlen werden. Um sich vor Dieben zu schützen, versteckte er seine Wertsachen in der Wohnung so, daß sie nach seinem Tode trotz einer (allerdings lateinisch geschriebenen) hinterlassenen Suchanleitung nur schwer zu finden waren. Seine Wertpapiere verwahrte er unter der irreführenden Aufschrift "Arcana medica". Seine Zinsabschnitte steckte er in alte Briefe und Notenhefte. Sein Rechnungsbuch führte er in englisch. Für besonders wichtige geschäftliche Notizen wählte er Latein und Griechisch. Und nachts schlief er stets mit einem Degen und einer geladenen Pistole neben sich.

Aber nicht nur im Hinblick auf sein Vermögen war er ängstlich. Er rechnete immer und überall mit dem Schlimmsten. Schon den Jüngling quälten über Jahre hin eingebildete Krankheiten. Während seines Studiums glaubte er lange Zeit, er leide an Auszehrung. Besonders fürchtete er sich vor Ansteckung. Deswegen trug er immer einen Lederbecher bei sich, um in öffentlichen Lokalen nicht die allgemeinen Wasserbecher benutzen zu müssen. Aus Neapel vertrieb ihn die Furcht vor den Blattern. Aus einer anderen Stadt, in der er lebte und lehrte, floh er vor der Cholera; er wählte sich dann eine Stadt als Wohnsitz, die er für "cholerafest" hielt. Wie viele seiner Zeitgenossen fürchtete auch er, lebendig begraben zu werden. Deswegen verfügte er, daß seine Leiche über die gewöhnliche Zeit hinaus offen beigesetzt werden solle.

Seine Ängstlichkeit und sein Mißtrauen, die ihn allerdings niemals abhielten, den Menschen seine Meinung über sie und die Welt, seine Verachtung, deutlich zu zeigen und zu sagen, haben ihn oft daran gehindert, etwas zu tun, was er eigentlich gern getan haben würde. Kurz vor seinem Tode erzählte er einem Freund: Er habe einen Mann auf dem Bahnkörper der städtischen Verbindungsbahn gehen sehen, wo auch er gern gegangen wäre, wenn ihn nicht eine Warnungstafel zurückschreckte, die es verbot; und als er den Fremden gefragt hatte, wie er soetwas wagen könne, habe der ihm erwidert: "Wenn ich so ängstlich wäre wie Sie, hätte mich längst der Teufel geholt." – "Und mich", habe er selber dann hinzugefügt, "wenn ich nicht so wäre!"