Von Karl-Heinz Wocker

London, im Februar

Seit die Labour-Regierung im Herbst von ihrem eigenen Parteivolk in der Verteidigungspolitik desavouiert wurde, stehen zwei Ansichten einander gegenüber: das offizielle Minderheitskonzept von Verteidigungsminister Denis Healey und das inoffizielle Mehrheitskonzept des zurückgetretenen Marineministers Christopher Mayhew. Beide Männer haben jetzt ihre Standpunkte noch einmal schriftlich erläutert: Mayhew in seiner Studie "Britain’s role tomorrow", Healey mit dem Weißbuch, in dem das Verteidigungsministerium den Wehrhaushalt für 1967/68 begründet.

Abgesehen davon, daß Healeys Ansicht zu Entscheidungen führt, Mayhews Buch dagegen ein Diskussionsbeitrag bleiben wird, hat der Ex-Minister alle Vorteile auf seiner Seite – auch die der Logik.

Healey hat wieder einmal seine Meisterschaft im Begründen einer Verteidigungspolitik erwiesen, die mangels außenpolitischer Klarheit eigentlich gar nicht existiert. Was die NATO im Sommer beschließt, ob England der EWG beitritt, wann die Rhein-Armee heimkehrt und inwieweit das Ende der Kämpfe in Vietnam auch ein Nachlassen des amerikanischen Wunsches nach britischer Präsenz in Südost-Asien bedeutet – all das müßte Healey wissen, weiß es aber nicht. Wieviel Geld es kosten würde, Unterkünfte für die aus Deutschland abgezogenen Einheiten zu bauen, das ungefähr zu sagen wäre der britische Verteidigungsminister durchaus in der Lage. Aber seit die Formel "Nicht länger bleiben, nicht länger zahlen" auf beiden Seiten Gefallen findet, fällt die Rhein-Armee als Kostenfaktor keineswegs fort, sie taucht in Healeys Büchern nur an anderer Stelle wieder auf.

Healey ist nicht davon begeistert, Deviseneinsparungen mit steigenden Inlandsausgaben koppeln zu müssen. Er hat sein Haushaltslimit von 22 Milliarden Mark mühsam gehalten, hauptsächlich durch Streichungen im Nahen Osten und durch den Abbau in Nordborneo. Wenn er jetzt gezwungen ist, beruhigende Versicherungen abzugeben, die heimkehrenden Truppen samt ihren Familien brauchten nicht in Zelten untergebracht zu werden, so hat dieser Dank des Vaterlandes seinen Preis.

Angesichts der Ungewißheit in allen Weltplätzen, über denen der Union Jack weht, rechnet man in London mit einem neuen Verteidigungsweißbuch – irgendwann im Frühherbst. Vielleicht gibt es dann auch genauere Auskünfte über die Andeutung, die Healey jetzt zur Stationierung von NATO-Streikräften außerhalb ihres möglichen Operationsgebietes gemacht hat. Bezieht sich das auf die Engländer allein? Soll dem amerikanischen big lift ein britischer small lift zugesellt werden? Wo wäre die außerbritische Gegenstation zu suchen, in der Bundesrepublik oder auch in Berlin? Soll die Rhein-Armee überhaupt in England als eine intakte Truppe für solche Feuerwehreinsätze erhalten bleiben oder geht sie in den englischen Heimateinheiten auf und unter? Das alles weigert sich Healey zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu beantworten.