Von Ruth Herrmann

Hamburg

In der Sache der Frau Anna Anderson gegen die Großherzogin zu Mecklenburg wird die Berufung zurückgewiesen. Die Klägerin hat die Kosten des Verfahrens zu tragen. Es ist dem Gericht unmöglich, seine Entscheidung in Kürze zu begründen. Eine auch nur annähernd vollständige Begründung füllt ein Buch. Die Klägerin hatte zu beweisen, daß sie die jüngste Tochter des letzten Zaren ist. Nach Meinung des Senats hat sie es nicht bewiesen.

Diese wenigen Sätze, gesprochen im überfüllten kleinen Zimmer 126 des Hanseatischen Oberlandesgerichts, bestimmen auf Jahre hinaus, wenn nicht für immer, daß die aller Welt als Anastasia-Fall bekannte kranke alte Frau, die in Unterlengenhardt im Schwarzwald lebt, sich nicht Großfürstin von Rußland nennen darf. Ihre Anhänger allerdings, für die ihre Identität mit der jüngsten Zarentocher längst eine mystisch emporgesteigerte Glaubenssache ist, werden. sie trotzdem weiter unterstützen, verehren und mit Kaiserliche Hoheit anreden. Sie werden diese Frau, die wahrscheinlich selbst glaubt, Anastasia zu sein, auch weiterhin mit Geld versorgen. Sie haben es in den vergangenen Jahrzehnten reichlich getan, und das elende Blockhäuschen hinter Zäunen und Hecken – von scharfen Hunden bewacht – spiegelt die materiellen Verhältnisse der Bewohnerin nicht wider. Aus diesem Grunde wurde ihr auch das Armenrecht verweigert. Die Gerichtskosten, die jetzt eingezogen werden können, müssen erheblich sein. Der Anhang Anastasias wird sie bezahlen und Wenn möglich, die Klage auch noch zur Revision, dem Bundesgerichtshof, treiben.

Bis dahin hat es allerdings lange Weile. Der Präsident des Hanseatischen Oberlandesgerichts hat, wie der Anwalt der Großherzogin zu Mecklenburg, Dr. von Berenberg-Gossler, mitteilt, einen besonderen Hilfssenat eingerichtet, der bis zum 30. Juni den Fall bearbeiten soll. „Das sind zwei ausgewachsene Oberlandesgerichtsräte, die monatelang nichts anderes tun werden, als die Urteilsbegründung auszuarbeiten.“ Erst wenn dieses „Buch“ fertig sein wird, kann Frau Andersons Anwalt, Dr. Wollmann, versuchen, den Fall in die Revision zu bringen. Er gehört selbst zum Kreis derer, die unerschütterlich an die überlebende Großfürstin glauben und teilt nach dieser Niederlage in zweiter Instanz deren Schmerz.

Der Gegenpartei allerdings fehlt zu ihrem Glück auch etwas: Sie hätte sich gewünscht, daß außer der negativen Feststellung, es sei unbewiesen, daß Frau Anderson Anastasia ist, das Gericht auch festgestellt hätte: Sie ist die verschwundene Polin Franziska Schanzkowski. Das aber war nicht Sache dieses Senats.

Soweit das vorläufige Ende der mysteriösen Geschichte, die mit Hilfe von Paragraphen ganz zu entwirren kaum möglich ist.