Von Wolfgang Venohr

J. Benoist-Méchin: Griff über die Grenzen 1938. Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg; 335 Seiten, 29,80 DM

Geben Sie mir Seyß-Inquart! – Also bitte folgendes: Sie möchten sich sofort zusammen mit Generalleutnant Muff zum Bundespräsidenten (Österreichs) begeben und ihm sagen, wenn nicht unverzüglich die Forderungen wie benannt – Sie kennen sie – angenommen werden, dann erfolgt heute nacht der Einmarsch der bereits an der Grenze aufmarschierten und anrollenden Truppen auf der ganzen Linie, und die Existenz Österreichs ist vorbei! Bitte geben Sie uns unverzüglich Bescheid, auf welchem Standpunkt (Bundespräsident) Miklas bleibt. Sagen Sie ihm, es gibt keinen Spaß jetzt!...“ So Hermann Wilhelm Göring, Generalfeldmarschall und Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, am 11. März 1938 um 17,26 Uhr in einem Ferngespräch mit dem damaligen österreichischen Vizekanzler und Bundesinnenminister Arthur Seyß-Inquart.

Um 19,57 Uhr desselben Tages ruft Göring eben jenen Seyß-Inquart noch einmal an: „Ich gebe den Befehl zum Einmarsch, und dann sehen Sie zu, daß Sie sich in den Besitz der Macht setzen. Machen Sie die führenden Leute (in Wien) auf folgendes aufmerksam, was ich Ihnen jetzt sage: Jeder, der Widerstand leistet oder Widerstand organisiert, verfällt augenblicklich damit unseren Standgerichten, den Standgerichten einer einmarschierenden Truppe. Ist das klar?! ...“

Ein unglaublich brutaler Bursche, dieser Göring! Immer wenn es um Gewalt und Intrige ging, wenn es vor allem galt, Menschen einzuschüchtern, ihren Widerstand und Stolz mit Drohungen zu brechen, bei ihnen bleiche Todesfurcht zu erzeugen – immer war Göring zur Stelle. So hatte er schon den Massenmord an den SA-Führern vom 30. Juni 1934 organisiert. So hatte er – kurz vor der Österreich-Affäre – den Generalen v. Blomberg und v. Fritsch das Genick gebrochen. Er, der joviale, rundlich populäre Marschall mit den glänzenden Orden und mit den glänzenden Beziehungen zur „guten Gesellschaft“, zu den Unternehmerkreisen und nicht zuletzt zum westlichen Ausland, er manipulierte auch den Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 in der Manier eines amerikanischen Gangsterbosses aus Chikago oder Dallas.

Man weiß wirklich nicht, welches Gefühl bei der Lektüre dieses sechsten Bandes der Benoist-Mechin-Serie über die „Geschichte der deutschen Militärmacht“ stärker ist: das des Abscheus und Entsetzens über die verbrecherische Skrupellosigkeit der Naziführer oder jenes der Bewegung und Ergriffenheit über die ewig denkwürdige Verwirklichung des großdeutschen Traumes. Ich gestehe, daß ich das glänzend konzipierte, mit gallischer Präzision und Kürze geschriebene Buch geradezu atemlos gelesen habe: Wie in einem historischen Bühnenstück steigert sich die Spannung von Akt zu Akt, fiebert der Betrachter dem-Ende einer Tragödie entgegen, deren Gewalt ihn schließlich zu Boden schmettert und an der Qual eines unlöslichen inneren Zwiespaltes zurückläßt.

Sind die Österreicher auch Deutsche? Oder nicht? War der Anschluß Österreichs an und für sich etwas Unrechtes? Oder nicht? Auch hier ist die Wahrheit wieder etwas ganz anderes als die alliierte Umerziehung. Das freie, demokratische Parlament Österreichs hatte bereits am 12. November 1918, in einem Augenblick also, als es, Deutschland wirklich schlecht ging, beschlossen: „Deutsch-Österreich ist eine demokratische Republik. Alle Gewalten werden vom Volke eingesetzt. Deutsch-Österreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik.“ Weniger bekannt ist vielleicht, daß eine Volksabstimmung am 18. Mai 1921 in Salzburg 98 546 Stimmen für den Anschluß an Deutschland und nur 877 Stimmen dagegen erbrachte.