Von Kai Hermann

Berlin, im März

Die Genossen der Sozialistischen Einheitspartei "VEB Funkwerk Berlin-Köpenick" trafen sich zu ihrer Delegiertenkonferenz. Eingeweihte wußten: Es sollte eine historische Konferenz werden. Wer vor der Schicht einen Blick ins "Neue Deutschland" geworfen hatte, den konnte kaum noch überraschen, was geschah. Ein junger Mann mit vollem schwarzem Haar und lebhaften Augen, ein Meister namens Kast, trat ans Rednerpult.

Doch statt von den großen Erfolgen beim Aufbau des Sozialismus zu sprechen, sagte er geradeheraus: Das Funkwerk Berlin-Köpenick sei doch eigentlich ein rechter Saustall. Kast stellte fest, daß der Betrieb "auf Kosten anderer lebt. Denn wir haben statt des geplanten Gewinns Verlust gemacht." Und dann zählte er die Mängel auf, die Ursache des Defizits seien. Man habe in zu viele Richtungen geforscht und entwickelt. Die "Arbeit mit den Menschen und die Beziehungen zu den Menschen" müßten "ganz entschieden verbessert werden – denn um Stimmung und Bewußtsein der Werktätigen stehe es schlecht". Die Werkleitung habe sich der "großen Mißachtung der sozialistischen Demokratie" schuldig gemacht, indem sie die Arbeiter nicht informiert und zur Mitarbeit herangezogen habe. Der junge Meister nannte auch den Schuldigen beim Namen: den Direktor – und forderte: "Auf unserer Delegiertenkonferenz sollte der Werkdirektor uns darlegen, wie er dieser Verantwortung gerecht wird."

Gerhard Kast wurde nach diesem Diskussionsbeitrag von seinem Vorgesetzten nicht etwa gemaßregelt, vielmehr erhob der Direktor sich und übte Selbstkritik. Der Genosse Kast – so schien’s – katapultierte sich nach einer mühsamen Arbeiterkarriere in wenigen Stunden zum Helden der DDR empor. Seit den legendären Taten des Aktivisten Adolf Henneke, der am 13. Oktober 1948 in einer Schicht 530 Zentner Rohkohle gefördert hatte, wurde keinem gewöhnlichen Werktätigen mehr ähnlicher Ruhm zuteil.

Doch Kasts Auftritt war geplant. Seine Ausführungen erschienen im "Neuen Deutschland", ehe sie gesprochen waren. Der Werktätige Kast, so wollten es die Parteipropagandisten, soll die junge Elite der DDR personifizieren. Heute lächelt er selbstbewußt von Fernsehschirmen und Zeitungsseiten; Kast-Zitate stehen derzeit höher im Kurs als Ulbricht-Worte. Und wer sich im sozialistischen Land zur Diskussion meldet, der bezieht sich auf die denkwürdigen Ausführungen des Genossen Kast. Wenn es nach den Initiatoren der Kast-Welle geht, dann wird der junge Karrierearbeiter zum batman der DDR-Jugend.

Ein Mensch wie du und ich, packt er das Böse – Schlamperei, Engstirnigkeit, mangelndes Verantwortungsbewußtsein und fehlende Parteilichkeit – mit beiden Händen bei den Hörnern und besiegt es. Die Partei hat sich keinen unsympathischen Helden ausgewählt. Gerhard Kast hat nichts mit seinem vierschrötigen Vorgänger Adolf Hennecke gemein. Wo der Altsozialist einst auf Befehl die Ärmel lochkrempelte und durch sein Beispiel die Nornen emporschraubte, legt der erst vor einigen fahren zur SED gestoßene 32jährige Arbeiter die Stirn in Falten und fordert bessere Arbeitsbedingungen für die Kollegen. Dem Übermenschen Hennecke, nach Herkules-Maß geschneidert, folgte ‚der gewöhnliche Held" – so "Neues Deutschand".