J. R. von Salis: Weltchronik 1939–1945. Verlag Orell Füssli, Zürich; 556 Seiten, 29,80 DM

Wer sich im Zweiten Weltkrieg in der Schweiz aufhielt, wird die Pein nicht vergessen haben, die ihm tagtäglich die Radiopropagande der Kriegführenden bereitete, dieses heillose Durcheinander von atemlos hervorgestoßenen Vergötterung der eigenen Taten und Abscheu vor der Verruchtheit der Gegner, kompliziert noch durch den Radau der „Störsender“, während die schweizerischen Sender eine Schüchternheit zeigten, deren Erzwungenheit unverkennbar war.

Dann war es immer eine Wohltat, wenn plötzlich mitten in diesen? Tohuwabohu eine Stimme, vernehmbar wurde, die einfach nur menschlich geblieben war und sich der Sachlage des Tages mit den Mitteln eines unverwirrbaren gesunden Menschenverstandes näherte. Es war die Stimme des Universitätsprofessors J. R. von Salis, der, einer der ältesten Familien der Schweiz entstammend, ihre besten Traditionen vertrat. Denn man darf ja beileibe nicht glauben, daß der Trotz der Eidgenossen im Zweiten Weltkrieg immer und überall der gleiche war. Es gab vielmehr unter den schweizerischen Radiosprechern – namentlich auch unter den akademischen Kollegen Salis’ – furchtsame und berechnende Naturen, die ihr Amt vor allem dazu benutzten, sich für den Kriegsausgang, er mochte sein wie er wollte, ein Alibi zu schaffen.

Salis hingegen verstand absolute Deutlichkeit seiner Berichte mit dem gesitteten Ton eines wohlerzogenen Mannes zu verbinden. Mit wieviel sprachlicher Delikatesse wurden von ihm – übrigens sehr selten – Urteile geäußert, auch wenn sie in der Sache vernichtend waren. Ob er über verlorene oder gewonnene Feldzüge sprach, es geschah mit ruhig abwägender Sachlichkeit, als ob es sich um mathematische Probleme handle. 1940, im Jahr der besonders intensiven deutschen Einschüchterungspropaganda gegen die Schweiz, wurde nicht weniger als dreimal die Absetzung Salis’ verlangt, freilich dreimal auch abgelehnt.

Gleich jedem anderen Kommentator war auch Salis genötigt, den Mangel substantieller Informationen durch Vermutungen und Rückgriff auf die eigenen Instinkte auszugleichen. Aber wie oft stellte sich später heraus, daß das, was er gesagt hatte, mit der Wirklichkeit übereinstimmte.

Dies verdeutlicht sich heute besonders durch das Erscheinen einer umfangreichen Sammlung seiner Radioberichte. Hier ist – wenn dieser banale Vergleich erlaubt ist – alles geordnet, genau und übersichtlich wie ein Blick in einen der gewaltigen Wäscheschränke schweizerischer Großmütter. Es entstand tatsächlich, was der Titel des Buches besagt, eine Weltchronik der Jahre 1939 bis 1945, die für lange Zeit noch ein zuverlässiges Nachschlagewerk sein wird ri