Von Wolfgang J. Helbich

CWright Mills hat mit seinen deutschen Übersetzern nicht viel Glück. Die 1964 erschienene angeblich deutsche Fassung seines „The Sociological Imagination“ ist nahezu unbrauchbar. Nun vertraute einer der renommiertesten deutschen Verlage das von Mills herausgegebene „Images of Man – The Classic Tradition in Sociological Thinking (New York1960) einem Sprachkundigen an, für den „New York City“ die „City von New York“ und „Socialist unions“ „sozialistische Unionen“ sind und der so einfallsreiche Nachschöpfungen bietet.wie: „Solche Kritik wird hingenommen – und für belanglos gehalten“ („such criticism is well taken – and quite irrelevant“), oder: „Jeder Denker versucht seine eigene intellektuelle Vergangenheit von der anderer zu scheiden und wird seinerseits durch die geformt (sie). Viele der in diesem Buch vorgestellten Denker haben sich tatsächlich voneinander geschieden“ („every thinker tries to select bis own intellectual past, and is in turn shaped by it. Many of the thinkers presented in this Volume have, as it were, selected one another“). Zudem beweist der Übersetzer ein atemberaubendes Talent für unmögliche Konstruktionen und unbeholfene Formulierungen. Und schließlich findet sich eine Reihe von Sätzen, die angemessen übersetzt sein mögen, aber völlig unverständlich bleiben, weil ganz schlicht eine Zeile vergessen wurde.

Tröstlich ist immerhin, daß neben der Einleitung nur vier von den siebzehn Texten in

C. Wright Mills: „Klassik der Soziologie – Eine polemische Auslese“, Übersetzungen von Gernot Gather; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 488 S., Paperback 19,80 DM

einer Übersetzung bedurften, da die übrigen bereits in deutscher Sprache vorlagen. Doch mit der Übersetzung sind die Zumutungen an den Leser noch lange nicht erschöpft. Dieser hat sich auch mit dem eigenartigen Sachverhalt auseinanderzusetzen, daß die Auswahl laut Umschlag und Titelblatt von C. Wright Mills stammt, die Einleitung jedoch laut Inhaltsverzeichnis und Überschrift von einem geheimnisvollen Fremden namens Wright C. Mills. Er muß auf die für eine solche Auswahl (Spencer, Mannheim, Marx/Engels, Max Weber, Veblen, Mosca, Michels, Pareto, Schumpeter, Simmel, Dürkheim) schlechterdings unentbehrliche Datierung der einzelnen Beiträge sowie auf das wünschenswerte Register verzichten, die beide im Original vorhanden sind.

Und schließlich wird dem Leser ohne jede Einschränkung bedeutet, daß es sich um die deutsche Fassung der von Mills getroffenen Auswahl handle. Dem ist jedoch bedauerlicherweise nicht so: Kommentarlos wurden zwei wesentliche Beiträge (Lippmann und W. I. Thomas/F. Znaniecki) weggelassen. Um die Schlamperei bei der Besorgung dieses Fischer-Paperback vollzumachen, wurde zwar der Hinweis auf das Lippmann-Kapitel in der Einleitung gleichfalls gestrichen, nicht aber der auf den zweiten, ebenfalls fortgefallenen Aufsatz. Thomas und Znaniecki, so erfährt man auf Seite 21, „umreißen in unserer Auswahl die allgemeine soziologische Anschauung von der ,Persönlichkeit‘...“ Das tun sie durchaus – aber nicht in „unserer“ Auswahl. Die Legion der teilweise sinnentstellenden Druckfehler kann bei diesem Sachverhalt kaum noch schockieren.

Da bekanntlich auch heute noch sorgfältig bearbeitete deutsche Buchausgaben erscheinen, ist als „Überlegungsthema“ (matter of speculation) vielleicht die Frage gestattet, ob der S. Fischer Verlag der Rezession durch einen (vermutlich billigeren) inkompetenten Redaktionsstab oder durch allzu ehrgeizige Termindiktate der Vertriebsabteilung zu begegnen sucht.