Johannes Brahms: „Klavierquartett c-moll, op. 60“; Boston Symphony Chamber Players; RCA LSC 10100 – B, 21,– DM

Das Stück „scheint sehr schwer zu spielen zu sein“, schrieb Klara Schumann 1856 an den damals dreiundzwanzigjährigen Johannes Brahms. „Kannst Du es dort etwas lange probieren und üben? Sonst klingt es abscheulich.“ Die nämliche Erfahrung hatte ein paar Monate vorher schon Joseph Joachim gemacht. „Ich möchte nicht wagen von Änderungen zu sprechen“, ließ er Brahms wissen, „bevor ich’s nochmal gehört, ordentlich gehört! Das war ja neulich eine Schweinerei!“

Das Stück ist in der Tat schwer zu spielen, nicht zuletzt, weil es rhythmisch recht kompliziert ist. Im Andante etwa (um ein Beispiel zu sagen) treten zuweilen dreierlei Rhythmen gleichzeitig auf: der normale Taktrhythmus, Synkopen hartnäckig, dagegen, dazu Triolen oder Sextolen. Das erzeugt jene eigenartig schwebende, spannungsreiche Stimmung, die das ganze Werk durchzieht und die seelische Verfassung des Komponisten wiedergibt: die nicht sehr glückliche, weil hoffnungslose Liebe zur Frau Robert Schumanns. Es ist Werther-Stimmung. An den Verleger Simrock schreibt Brahms sarkastisch: „Außerdem dürfen Sie auf dem Titelblatt ein Bild anbringen, nämlich einen Kopf – mit der Pistole davor. Nun können Sie sich einen Begriff von der Musik machen! Ich werde Ihnen zu dem Zweck meine Photographie schicken! Blauen Frack, gelbe Hosen und Stulpenstiefeln können Sie auch anwenden ...“ (Und wer auf Schicksalswahrheiten aus ist, mag seine Parallelen ziehen: Den 4. Satz durchzieht Beethovens „Schicksalsmotiv“, rhythmisch korrekt und auch in c-moll.)

Herbheit; grimmiger Humor, Innigkeit, Leidenschaft, so könnte man die vier Sätze des Quartetts titulieren, wenn man die Partitur liest und wenn man sie von den Amerikanern Silverstein (Geige), Fine (Bratsche), Eskin (Cello) und Claude Frank (Klavier) gespielt hört. Sie spielen genau, was Noten, Phrasierungen, Vortragszeichen angeht, und sie treffen außerordentlich sicher den „Ton der Empfindung“, wozu auch ein paar vorsichtig angebrachte romantische Rubati (eigenmächtige Verzögerungen, Beschleunigungen, Betonungen) gehören. Und zwei winzige Schnitzer im Zusammenspiel stärken das angenehme Gefühl, es handele sich hier um eine (Live-) Aufführung, und nicht um eine (noch so vorzügliche) Aufnahme. Manfred Sack