Von Hannsferdinand Döbler

Kunrat Freiherr von Hammerstein: Flucht. Aufzeichnungen nach dem 20. Juli. Walter-Verlag, Olten. 212 Seiten, Leinen 24 DM, kartoniert 18 DM

Ein junger Offizier, sechsundzwanzig Jahre, aus bester Familie, mit beiden Eisernen Kreuzen dekoriert, wird am 28. August 1944 von einem Beamten der Staatspolizei im D-Zug nach Köln kontrolliert: „Ich war, seitdem er da war, nicht nervös, machte ein freundliches Gesicht und gab als letzter mit der linken Hand mein aufgeschlagenes Soldbuch, in dem entfaltet der Dienstausweis lag. Die rechte Hand hatte ich in der Hosentasche, Zeigefinger am Abzug und Daumen am Sicherungsflügel. Er las den Ausweis, sah flüchtig ins Soldbuch und lächelte mich an, gab mit herzlichem ‚Danke sehr‘ mein Zeug zurück und verließ das Abteil. Es waren nicht mehr viele auf der 20.-Juli-Fahndungsliste, weil die meisten schon gefunden waren. Er mußte wissen, daß ‚Hammerstein‘ draufstand.“

Allerdings, nicht nur der Name Kunrat Freiherr von Hammerstein stand auf diesen Listen, sondern auch der von dessen Bruder Ludwig, dessen Mutter, Schwester, es war die Zeit, als Goerdeler und Nebe durch Deutschland irrten, als General Lindemann gesucht wurde mit dem Steckbrief „Das ist der Deserteur Fritz Lindemann, für dessen Ergreifung 500 000 Mark Belohnung ausgesetzt worden sind“, als Graf Hardenberg auf Neu-Hardenberg sich eine Papierschere in die Brust stieß, als General de Gaulle in Paris einzog und auch Rumänien Deutschland den Krieg erklärte, vier Wochen, bevor Tito Belgrad besetzte und der Volkssturm der Sechzehn- bis Sechzigjährigen gebildet wurde – es war die Zeit der Agonie, die der sogenannte Führer und seine sogenannten Paladine nicht wahrhaben wollten.

In dieser Zeit, nach dem mißlungenen Staatsstreich, sind bis zur Kapitulation fast doppelt so viele Menschen für Hitlers schlechte Sache gestorben wie bis zu diesem Zeitpunkt.

Der Beamte der Staatspolizei, der den Namen Hammerstein hat kennen müssen, war „echt“, der Oberleutnant hat Köln unangefochten erreicht und sich weiter, bis zum Kriegsende, verstecken können, er hat überlebt. Sein bereits verhafteter dritter Bruder, seine jüngste Schwester sowie seine Mutter Maria Freifrau von Hammerstein-Equord geborene von Lüttwitz trafen sich unterwegs, auf dem Transport nach Buchenwald. Der Vater des jungen Offiziers, Generaloberst und Chef der Heeresleitung, seit Ende 1933 aus diesem Amt geschieden und bis zu seinem Tod 1942 ein erbitterter Gegner des braunen Regimes, hatte die Maßstäbe gesetzt, nach denen die Söhne sich entschieden – nach dem fehlgeschlagenen „Aufstand des Gewissens“ waren sie vogelfrei.

Hammerstein hat, gewiß kein berufsmäßiger Verschwörer, während jener Tage Stichworte notiert, die er nun entschlüsselt vorlegt, mit Freitag, dem 21. Juli 1944 beginnend. Die Flucht führt kreuz und quer durch Deutschland. Berlin-Zehlendorf, Breslau, Gorkau, Rheinland; mit dem 28. August endet das Buch – neununddreißig Tage also, aber wie gelebt: „Elisabeth sagte, ihre derzeitige Wirtschafterin sei nicht einwandfrei (obwohl sie nicht Nazi war). Vorsicht geboten. Ich bat Elisabeth, mich telephonisch in Gorkau anzumelden... Wenn ich den Namen des Breslauer Militärarztes wüßte, könnte ich vielleicht über Gersdorff feststellen, ob er für oder gegen die Nazis war, und womöglich offen mit ihm sprechen...“